Donnerstag, 5. Februar 2015

Schaltstelle Wien: Die Third World Relief Agency und der bosnische Jihad

Prinz Eugen Straße Nr. 36, eine unscheinbare Adresse im Botschaftsviertel im 4. Wiener Gemeindebezirk. Hier hat die Third World Relief Agency (TWRA) ihren Sitz. Laut Eigendefinition handelt es sich um eine humanitäre Hilfsorganisation, gegründet 1987 von den sudanesischen Brüdern Elfatih und Sukarno Hassanein mit Zweigstellen in Sarajevo, Budapest, Moskau und Istanbul. Doch wie so oft trügt der Schein. Laut westlichen Geheimdienstkreisen erfüllte die TWRA in den frühen 1990er Jahren eine Schlüsselrolle, um radikal-islamistische Kräfte finanziell und logistisch zu unterstützen. Gelder und Waffen wurden nämlich im bosnischen Bürgerkrieg gebraucht, dem wichtigsten Operationsfeld des Jihad nach dem Kampf gegen die Rote Armee in Afghanistan in den 1980er Jahren.
Sitz der TWRA in Wien-Wieden (Foto: Autor)
Bosnien – europäisches Schlachtfeld des Jihad in den 1990er Jahren
Einige Tausend Freiwillige aus arabischen Staaten und dem Iran kämpften zwischen 1991 und 1995 an der Seite der muslimisch-nationalistischen Regierung von Präsident Alija Izetbegović. Auch Osama Bin Ladens Al Qaida stellte Kämpfer – der ehemalige Aktivist Ali Hamad meinte in einem Interview: „Al-Qaida war in Bosnien nicht an den dortigen Muslimen interessiert, sondern an der Eroberung einer Basis, von der aus sie weiter operieren konnte – so wie die USA weltweit ihre Stützpunkte haben. Einige Führer der westlichen Welt haben das durchaus registriert, aber nichts unternommen.“ Spätere Al Qaida-Attentäter sammelten in Bosnien Kampferfahrung – darunter der als „Mastermind” der Terroranschläge vom 11. September 2001 charakterisierte Kahild Sheikh Mohammed. Laut dem Experten Roland Jacquard entstand auf diese Weise eine Generation radikal-islamistischer Kämpfer, „die – obwohl jünger – genauso gut trainiert waren wie ihre Vorgänger. Und genau auf diesem Boden entwickelte sich die neue Internationale des Terrors, mit der wir es heute zu tun haben.“

Diplomatische Immunität
Bevor er nach Wien kam, fungierte Elfatih Hassanein lange als Osteuropa-Beauftragter der Nationalislamischen Front (NIF). Diese Partei beherrscht seit Ende der 1980er Jahre den Sudan und hat diesen in einen islamischen Staat auf Basis der Scharia umgewandelt. Zwischen 1991 und 1996 beherbergte das NIF-Regime Bin Laden nachdem dieser Saudi-Arabien verlassen hatte müssen.

Hassanein wurde im März 1992 in Österreich als sudanesischer Kulturattaché akkreditiert und mit einem Diplomatenpass ausgestattet, der ihm Schutz vor polizeilichen Ermittlungen einräumte. Seine Mission fasste der Sudanese so zusammen: „Bosnien muss schließlich ein muslimisches Bosnien werden, denn wenn dies nicht passiert, wäre der ganze Krieg umsonst gewesen, und wir hätten für nichts gekämpft.“ Noch 1992 stellte der bosnische Außenminister Haris Silajdzic eine Vollmacht für die TWRA aus, die die Eröffnung eines Kontos bei der GiroCredit ermöglichte, die mittlerweile in der Erste Bank aufgegangen ist. 1993 bestätigte Izetbegović noch einmal schriftlich, dass die TWRA das Vertrauen seiner Regierung genieße. Den Präsidenten soll Hassanein bereits 1964 in Belgrad kennengelernt haben.

Dass sich die TWRA ausgerechnet Wien als Zentrale erkor, sollte nicht weiters überraschen. Abgesehen von der geografischen Nähe und den historischen Beziehungen zu Bosnien, pflegte Österreich traditionell einen toleranten Umgang mit islamistischen Organisationen: Sowohl die Muslimbruderschaft als auch die Hizb ut-Tahir verfügen hier bis heute über eine starke Präsenz, die teilweise bis in die 1960er Jahre zurückreicht.

Nachschubkanal TWRA
Laut zahlreicher Untersuchungen war die TWRA einer der wichtigsten Nachschubkanäle, nachdem die UNO 1991 ein Waffenembargo für Jugoslawien verhängt hatte. Zwischen 1992 und 1995 sollen 350 Millionen US-Dollar nach Bosnien geflossen sein – wenigstens die Hälfte der Summe wurde aufgewendet, um Waffen zu kaufen und zu schmuggeln. Ursprünglich stammten die Finanzmittel aus dem Nahen und Mittleren Osten, darunter Länder wie Iran, Türkei, Brunei, Malaysia und Pakistan. Eng waren die Beziehungen auch zur Saudi High Commission for Relief of Bosnia and Herzegovina (SHC), die zwischen 1992 und 2001 alleine 600 Millionen US-Dollar bereitstellte – nominell für Hilfeleistungen und religiöse Zwecke.

Der Beauftragte der Bank, über die die TWRA-Transaktionen liefen, beschrieb den Faith Hassanei als „Gepäckträger“ von Präsident Izetbegović: „Wenn die bosniakische Regierung sagte, sie benötige Mehl, rannte er und beschaffte Mehl, wenn sie sagte, sie benötige Waffen, dann rannte er nach Waffen.“ In der Bank erinnerte man sich auch an einen saudi-arabischen Diplomaten, der in zwei Koffer fünf Millionen US-Dollar brachte.

Hasan Cengic, der als bosnischer Vize-Verteidigungsminister zahlreiche Waffendeals verhandelte, hatte einen Sitz im TWRA-Vorstand genauso wie der bosnische Botschafter in Wien, Husein Zivalj. Im Rahmen einer großen Aktion im September 1992 landeten Frachtflugzeuge aus Khartum im slowenischen Maribor. Die Fracht – 120 Tonnen an Sturmgewehren, Werfern, Minen und Munition – stammte aus ehemaligen sowjetischen Beständen in Osteuropa. Als humanitäre Hilfe deklariert wurden die Waffen per Helikopter nach Tuzla und Zeniza in Bosnien transportiert. Bei einer weiteren Nachschuboperation sollen leichte Waffen im Wert von 15 Millionen Dollar unter Mithilfe von UN-Soldaten nach Bosnien geschmuggelt worden sein. So überrascht es auch nicht, dass die TWRA 1996 von der Regierung in Sarajevo mit einer Goldmedaille für ihr Hilfsengagement ausgezeichnet wurde.

Keine rechtliche Handhabe vor 9/11
Wie kürzlich ein abtrünniges Al Qaida-Mitglied aussagte, sollen TWRA-Gelder auch Bin Ladens Truppe in Bosnien direkt zugute gekommen sein. Die TWRA finanzierte die 107 Mann starke Truppe bzw. half auf andere Art und Weise. Großzügige Unterstützung soll darüber hinaus von der SHC gekommen sein. Zacarias Moussaoui, der wegen Verwicklung in die Anschläge vom 11. September 2001 eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, gab Ende 2014 an, für Al Qaida alle Spender in einer digitalen Datenbank erfasst zu haben: In diesem Zusammenhang nannte er auch die TWRA.
Auszug aus der Aussage Moussaouis
Obgleich westliche Dienste schon vor 9/11 einen guten Einblick in diese Machenschaften hatten, war damals keine ausreichende Handhabe gegeben, um effektiv einzuschreiten. Deshalb klingt in den Memoiren des damals zuständigen Antiterrorberaters im Weißen Haus, Richard A. Clarke viel Frustration durch: „Den europäischen und amerikanischen Geheimdiensten gelang es allmählich, die Finanzierung und Unterstützung der Mudschaheddin bis zu Bin Laden im Sudan und zu Einrichtungen, die bereits von den Mudschaheddin in Westeuropa selbst gegründet worden waren, zurückzuverfolgen. Die Kontakte zu der Moschee im Finsbury Park in London, zu dem islamischen Kulturzentrum in Mailand, zu der Third World Relief Agency mit Sitz in Wien. Sie führten auch zu der Benevolence International Foundation in Chicago und zu der International Islamic Relief Organization in Saudi-Arabien. Diese ‚wohltätigen Organisationen’ beschafften Gelder, Arbeitsplätze, Ausweise, Visa, Diensträume und andere Hilfsmittel für die internationale Brigade der arabischen Kämpfer in und um Bosnien. Westliche Regierungen, auch die amerikanische, fanden vor dem 11. September kein geeignetes juristisches Mittel, um gegen diese Organisationen vorzugehen.“

TWRA-Gründer musste 1994 Österreich verlassen
1994 musste Hassanein „wegen Missbrauchs der österreichischen Gastfreundschaft“ das Land verlassen. Am 5. September 1995 führten dann deutsche und österreichische Ermittler eine Razzia im Wiener Hauptquartier durch und beschlagnahmten zahlreiche Unterlagen. „Neben dem Waffenhandel wird die TWRA als Schlepperorganisation verdächtigt“, sagte ein Münchner Staatsanwalt. Außerdem soll die TWRA in den organisierten Ankaufs von hochwertigen, in deutschen Kaufhäusern gestohlenen Waren, verwickelt gewesen sein. Ungeachtet dessen soll die TWRA noch bis 1996 weitergearbeitet haben. Hassanein war zu diesem Zeitpunkt nach Istanbul verzogen, wo er auch nach dem Ende des Bosnienkriegs seinen Geschäften nachging. Die TWRA leitete daraufhin Bruder Sukarno Hassanein.

Literatur:
Herbert Lackner, Edith Meinhart und Adelheid Wölfl, Der Fundi-Fonds von Wien, in: profil Nr. 39/2001.
Jürgen Elsässer, Wie der Dschihad nach Europa kam. Gotteskrieger und Geheimdienste auf dem Balkan, St. Pölten 2005.
Peter Andreas, The Clandestine Political Economy of War and Peace in Bosnia, in: International Studies (2004) 48, 29-51.
David Weinberg, King Salaman’s Shady History, foreignpolicy.com, 27. 1. 2015

Donnerstag, 22. Januar 2015

Vom SS-Mann zum Ost-Spion: Die Nachkriegskarriere von Adolf Slavik

Am 18. Oktober 2011 gelang den deutschen Sicherheitsbehörden ein großer Fang: Ein Sondereinsatzkommando verhaftete Andreas und Heidrun Anschlag wegen des Verdachts auf Spionage. Zwei Jahre später wurde das Ehepaar schließlich zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie seit den 1990er Jahren für Russland spioniert hatten. Dabei waren sie als österreichische Staatsbürger aufgetreten. Wie es sich herausstellte, hatte ein geheimnisvoller Mann mitgeholfen, die Nachweise zu besorgen: Der ehemalige SS-Obersturmführer und mutmaßliche KGB-Spion Adolf Slavik. Seine Biografie steht wie kaum eine andere für die politischen und moralischen Abgründe der Nachkriegszeit. Das belegt eine Recherche in freigegebenen CIA-Dokumenten.

Slavik, geboren am 24. März 1918 in Wien, schloss sich als Jus-Student einer patriotischen Jugendbewegung an. Aber nachdem ihm diese keine Aufstiegsmöglichkeiten bot, wechselte er kurzerhand zur monarchistischen Verbindung „Ottonia“. Auch hier wurde Slaviks Ehrgeiz enttäuscht, worauf er am 24. März 1936 NSDAP-Mitglied wurde. In der Hitler Jugend (HJ) hieß man Slavik eben wegen seiner „Insider“-Kenntnisse in Sachen konservativ-nationaler Bewegungen willkommen. Dieser opportunistische Einsatz von Wissen sollte die gesamte Spionage-Karriere von Slavik auszeichnen. Im Mai 1938 schloss er sich freiwillig der SS-Verfügungstruppe an, dem Kern der späteren Waffen SS. Doch mit der militärischen Ausbildung war es rasch vorbei – Slavik wurde von der Reichsjugendführung zu einem Inspekteurs des HJ-Streifendiensts bestellt, dem die Aufrechterhaltung der inneren Disziplin oblag (außerdem handelte es sich um eine Nachwuchsorganisation für die SS-Verbände). Zu Beginn des 2. Weltkriegs diente Slavik dann im SS-Regiment „Der Führer“, ehe er 1940 eine Stelle beim Wiener SS-und Polizeigericht antrat. Zwei Jahre später diente Slavik wieder an der Front, auch weil er wegen einer Intrige aus der HJ ausgeschlossen worden war.

Gründung der Nationalen Liga
Bei Kriegsende 1945 befand sich Slavik in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft, wurde aber rasch entlassen. Wegen seiner „illegalen“ NSDAP-Mitgliedschaft (vor 1938) bzw. weil er sich nicht wie vorgeschrieben registrieren hatte lassen, wurde Salvik von einem Volksgericht zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich im sowjetischen Sektor. Dort wurde Slavik nach neun Monaten freigelassen, höchstwahrscheinlich weil er sich als Agent anwerben ließ. Und tatsächlich erfüllte Slavik anschließend eine wichtige Aufgabe: Er gründete im Januar 1950 die Nationale Liga (NL) als Konkurrenzsituation zum Verband der Unabhängigen (VdU), dem politischen Sammelbecken der ehemaligen Nazis. Auch die NL versuchte bewusst, frühere SS-Mitglieder anzuziehen. Aber im Unterschied zum VdU war die Haltung freundlich gegenüber der Sowjetunion und der KPÖ. Man beklagte den wirtschaftlichen Ausverkauf der österreichischen Wirtschaft an den Westen und forderte eine „wirkliche Politik der Neutralität“. Dabei verstand sich die NL von Beginn an als elitäre Gruppe und nicht als Massenbewegung. Nichtsdestotrotz erhielt Slavik viel Unterstützung: Das Parteiorgan „Österreichischer Beobachter“ konnte seine Auflage von 50.000 auf 100.000 Exemplare verdoppeln. Angeblich organisierte Slavik Führungsposten für mehr als 30 frühere „Illegale“ in den Betrieben der USIA (Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich). Weiters sollen Waffen SS-Veteranen Anstellungen bei der OROP, einer sowjetischen Ölförderungsgesellschaft, die im Marchfeld tätig war, versprochen worden sein. Ein augenscheinliches Zeichen für die Zugehörigkeit der NL war, dass ihre Versammlungen meist im sowjetischen Sektor stattfanden, ohne dass die Besatzungsmacht gegen die Anwesenheit von schwer belasteten Nationalsozialisten einschritt.
CIA-Meldung zu Slaviks Aktivitäten (Quelle: www.foia.cia.gov)
 „Schutz und Hilfe für ehemalige Nationalsozialisten“
1950 traf sich Slavik mit Erich Kernmayer, damals eine der Führungsfiguren des „Gmundner Kreises“, einer Gruppe von sozialdemokratisch ausgerichteten „Ehemaligen“. Das illegale NSDAP-Mitglied Kernmayer war nach dem Anschluss zum Gaupresseamtsleiter in Wien aufgestiegen und hatte danach in der Waffen SS-Division „Das Reich“ gedient. Zwischen 1945 und 1947 war Kernmayer im Anhaltelager für ehemalige Nationalsozialisten in Glasenbach interniert, wo er vom US-amerikanischen Militärgeheimdienst CIC rekrutiert wurde.

Insofern standen sich zwei Ex-Nazis gegenüber, die sich einerseits mit der Sowjetunion und andererseits mit den USA arrangiert hatten. Salvik und Kernmayer einigten sich darauf, die „gegenseitigen Interessenssphäre“ abzugrenzen und vereinbarten eine „gewisse interne Zusammenarbeit“, wie aus einem Geheimdienstbericht hervorgeht. „Kernmayer habe den Standpunkt Dr. Slaviks zur Kenntnis genommen, dass seine, Slaviks Politik vor allem bezwecke, die ehemaligen Nationalsozialisten für den Fall einer kommenden Sowjetherrschaft vor der Vernichtung zu retten, während Slavik anerkannt habe, dass auch Kernmayer zuletzt den gleichen Zweck – Schutz und Hilfe für die ehemaligen Nationalsozialisten – verfolge, wenn er sich mit den Amerikanern für den Fall einer dauernden Selbstbehauptung des Westens zusammenarbeite. Der Unterschied bestehe eigentlich nur darin, dass Slavik die eine Möglichkeit, die Sowjetherrschaft, für die wahrscheinlichste halte, und Kernmayer die andere, den endgültigen Sieg des Westens.“ An diesem Punkt wird der Opportunismus, der viele „Ehemalige“ dazu trieb, sich den Großmächten anzudienen, die wiederum primär an nachrichtendienstlichen Quellen interessiert waren - und über die Vergangenheit der neuen Verbündeten hinwegsahen.

Kontakt zu Wilhelm Höttl
Ebenfalls 1950 nahm Slavik Kontakt zu einem anderen Nazispion in westlichen Diensten auf – mit Wilhelm Höttl. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer und Referent im Ausland-Sicherheitsdienst (SD) hatte nach 1945 eine erstaunliche zweite Karriere gemacht: Als Autor, Gründer des Privatrealgymnasiums in Bad Aussee und, wegen seines Spezialwissens über Ungarn und den Balkanraum, als Agent verschiedener Geheimdienste. Schon 1948/49 führte Höttl im Auftrag des CIC ein großangelegtes Spionageunternehmen durch. Gemeinsam mit Kernmayer und dem Waffen SS-Veteranen Karl Kowarik installierte Höttl zwei Spionage-Netzwerke, die jedoch mangels Erfolg rasch aufgelöst wurden. Da erhielt er Mitte Oktober 1950 Besuch von Slavik – laut einer CIA-Notiz eröffnete letzterer, dass die Sowjets eine Kooperation wünschten und schlug diesbezüglich ein Treffen mit einem wichtigen Offizier vor. Höttl soll dieses Angebot ausgeschlagen haben, seine Entscheidung für den Westen wäre „unwiderruflich“. Slavik wiederum soll seinen Standpunkt damit untermauert haben, dass die sowjetische Besatzungsmacht früher oder später aktiv werde – frühere Nationalsozialisten, die das Land nicht verlassen könnten, würden nur dann ihren Kopf retten, wenn sie eine freundliche Haltung gegenüber der UdSSR an den Tag legten, etwa durch Engagement in der NL. Höttl wurde tatsächlich kurze Zeit später arretiert, weil er mit dem KGB im Bund gewesen sein soll (was nie bewiesen wurde).

Slavik traf Höttl in Altaussee. Dort heirateten auch Andreas und Heidrun Anschlag am 6. September 1990 (Foto: Autor)
Waffenhändler in Casablanca, Spion in Istanbul
Nachdem die NL 1955 aufgelöst wurde, verlegte Slavik zwei Jahre später nach Casablanca. Von dort aus soll er angeblich sowjetische Waffenlieferungen ins aufständische Algerien organisiert haben. Anfang der 1960er Jahre lautete die nächste Station Istanbul: Dort pflegte er über sechs Monate Kontakt zu einem Ex-Offizier der türkischen Luftwaffe und gab sich dabei als Journalist aus, der politische und soziale Informationen sammle. Der Türke, der auf Slaviks Betreiben seine frühere Beschäftigung wieder aufnahm, wurde schließlich misstrauisch. Allzu oft stellte Slavik Fragen zu sensiblen Bereichen wie z.B. zu US-amerikanischen Militärpersonal in der Türkei oder wollte an Unterlagen herankommen. Im Februar 1967 wurde Slavik schließlich in einem Hotel in Ankara verhaftet, nachdem sein Informant türkische Stellen alarmiert hatte. Zwei Jahre später wurde Slavik u.a. wegen „Wirtschaftsspionage für Österreich zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Schon 1973 kam er wieder frei – im Austausch gegen einen türkischstämmigen Bulgaren, der dort ebenfalls wegen Spionage zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war. Die Initiative dazu war von der in Wien lebenden Frau Slaviks ausgegangen – sie hatte diesbezüglich einen positiven Bescheid von der kommunistischen Regierung in Sofia eingeholt.
1957 erhielt die CIA Informationen über angebliche nachrichtendienstliche Verbindungen Slaviks
Ein letzter Dienst
Adolf Slavik starb schließlich 1992 in Wien – ohne etwas über seine Geheimnisse preisgegeben zu haben. Einmal noch dürfte er „aktiviert“ worden sein und zwar im Zusammenhang mit der eingangs erwähnten Affäre rund um die beiden russischen Spione. Und zwar wurde 1984 Slaviks Frau Helene im Gemeindeamt von Wildalpen in der Steiermark, wo die damals etwa 70jährige Frau seit Jahren urlaubte, vorstellig. Mit sich führte sie Andreas Anschlag und bat um Hilfe bei der Ausstellung eines Staatsbürgerschaftsnachweis. Obwohl formal nicht zuständig, entsprach der Amtsleiter dem Ansinnen und behauptete später, mit Fälschungen getäuscht worden zu sein. Für Heidrun Anschlag wiederum besorgte sich ein Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft 1989 in Hornstein die entsprechenden Papiere. Damit kam der Spionagefall ins Rollen, der Ende 2014 mit der Entlassung bzw. Abschiebung des Ehepaars Anschlag nach Russland abgeschlossen wurde.

Als die deutsche Generalbundesanwalt zwischenzeitlich wissen wollte, ob die Anschlags in Österreich Bankkonten besaßen, stimmte das Landesgericht Leoben dem Antrag zunächst zu. „Daraufhin trat die Macht des österreichischen Bankensektors auf den Plan“, berichtete die „Zeit“: „Der Sparkassenverband, der Fachverband der Banken und Bankiers sowie die Fachverbände der Landeshypothekenbanken, der Volksbanken und der Raiffeisenbanken legten Beschwerde ein. Mit Erfolg: Im September 2012 verweigerte das Oberlandesgericht Graz die Herausgabe der Bankdaten. Die Verwendung von erschwindelten Reisepässen sei nur mit maximal einem Jahr Haft sanktioniert und unterschreite die Schwelle für grenzüberschreitende Bankauskünfte. Die geheimdienstliche Tätigkeit des Ehepaars gegen Deutschland sei zudem nicht zum Nachteil Österreichs und hier nicht strafbar.“

Sonntag, 11. Januar 2015

„Als Kulturmensch lehne ich im Übrigen Gewalttaten ab“: Fritz Molden und der Befreiungsausschuss Südtirol

Vor einem Jahr, am 11. Jänner 2014, verstarb Fritz Molden 90jährig. Der ehemalige Widerstandskämpfer und Sekretär von Außenminister Karl Gruber war auf dem Höhepunkt seiner Karriere nicht nur der einflussreichste Verleger Österreichs („Die Presse“, „Die Wochen-Presse“, „Abend-Presse“, „Express“), sondern auch tief in den Kampf für Selbstbestimmung in Südtirol involviert. Erst nach seinem Tod wurden Vernehmungsprotokolle der Staatspolizei mit Molden von 1961 für die Forschung zugänglich. Hier werden diese erstmals vorgestellt.

Letzte Ruhestätte von Fritz Molden am Wiener Zentralfriedhof (Foto: Autor)
Molden unterhielt von Beginn an enge Kontakte zum Befreiungsausschuss Südtirol (BAS), einer Untergrundorganisation, die Mitte der 1950er Jahre gegründet worden war. Bis zum Frühjahr 1959 entstand in Nordtirol eine eigene BAS-Gruppe, der neben Molden der Ex-Widerstandskämpfer Wolfgang Pfaundler, Gerd Bacher (damals Chefredakteur von „Express“), der Innsbrucker Kaufmann Kurt Welser und der Reiseschriftsteller Heinrich Klier angehörten.

Molden sorgte nicht nur für mediale Unterstützung, sondern war auch einer der wichtigsten Finanziers. Wie aus staatspolizeilichen Protokollen hervorgeht, erklärte Molden 1959 bei einer Besprechung dem BAS-Gründer Sepp Kerschbaumer, „dass er an der Sache Südtirols großen Anteil nehme und dass ein Teil des zur Verfügung gestellten Geldes von ihm stamme. Er erklärte Kerschbaumer, dass er die Absicht habe, als Journalist für die Sache Südtirols entsprechend einzutreten. Dazu sei es jedoch erforderlich, dass er über die Verhältnisse ziemlich genau informiert werde. Auf die Frage Kerschbaumers, ob man den Familien von Südtirolern helfen werde, wenn sich die Männer in Haft befinden, erklärte Molden dass dies sicherlich der Fall sein werde. […] Pfaundler hat Kerschbaumer bei diesem Besuch einen Betrag von 100.000 Lire übergeben.“

Vorbild Zypern
Der Südtirolkonflikt fiel damals in die Zeit der Entkolonialisierung: Bereits in den 1940er Jahren hatten jüdische Gruppen einen erfolgreichen Kampf gegen die britische Mandatsverwaltung in Palästina geführt. 1954 entzündete sich der Algerienkrieg, der sich bis 1962 hinziehen sollte und in einem Sieg der Nationalen Befreiungsfront (FLN) endete. Die größte Wirkung auf den BAS übte aber das Beispiel Zypern aus: Zwischen 1955 und 1959 erkämpfte die „Nationale Organisation zyprischer Kämpfer“ (EOKA) unter General Georgios Grivas das Ende der britischen Kolonialherrschaft auf der Mittelmeerinsel. Das Modell Zypern wurde innerhalb des BAS vor allem von Molden beworben. Der Verleger hatte 1958 an einer Journalistenreise nach Zypern teilgenommen und dort miterlebt, „wie sowohl die zypriotischen Freiheitskämpfer, aber noch viel brutaler die britische Armee, ihren Kolonial- oder Befreiungskrieg führten, […].“ Im „Spiegel“ erschien am 21. Dezember 1960 eine vielbeachtete Reportage, die Molden gar zum heimlichen Anführer der Südtirol-Aktivisten stilisierte. Seit Winter 1958, schrieb die Korrespondentin Inge Cyrus, habe sich Molden insgeheim bemüht, „für den künftigen Partisanenkrieg südlich des Brenners nach dem Vorbild der erfolgreichen zyprischen Untergrundbewegung Eoka des griechischen Obersten Grivas – eine kleine schlagkräftige Truppe zu rekrutieren. Sie sollte für den ‚Tag X’ bereitstehen und die Rückkehr Südtirols zu Österreich beschleunigen, falls einmal alle Möglichkeiten einer friedlichen Einigung mit Italien erschöpft wären.“ Auch wenn Molden dementierte, in Südtirol wurde der Artikel als Signal zum baldigen Handeln aufgefasst - ein BAS-Mann erzählte später: "Wir sind wirklich erschrocken, und haben uns gesagt, wenn die da draußen schon so viel reden, dann müssen wir losschlagen, bevor man uns verhaftet und wir überhaupt nichts getan haben. Sicher war der Spiegel-Artikel entscheidend dafür, dass wir anfingen loszuschlagen."

„1,000.000 Schilling zur Verfügung gestellt“
Kernstück der nach dem Vorbild Zypern ausgelegten Strategie war es, mediale Aufmerksamkeit auf das Südtirolproblem zu lenken. Kleinere Sprengstoffanschläge, so wie es sie in Südtirol seit den 1940er Jahren immer wieder sporadisch gegeben hatte, erschienen in diesem Zusammenhang als zu wenig spektakulär. Der Südtiroler „Schützenmajor“ Georg Klotz und Wolfgang Pfaundler schwebte die Bildung von kleinen Kampfeinheiten vor, die einen regelrechten Guerillakrieg führen sollten. Das man zu dieser Eskalation bereit war, geht wiederum aus Berichten der Staatspolizei hervor. Demnach wurden Klotz und Pfaundler am 27. Jänner 1960 nach einer Vorsprache bei Außenminister Bruno Kreisky auch bei Molden vorstellig. Bei dieser Gelegenheit zeigte Pfaundler eine Maschinenpistole vor: „Er erklärte, dass er derartige Waffen bereits in der Umgebung von Wien lagernd habe. Sie seien für die Südtiroler angekauft worden. Weiters sei es Pfaundler gelungen, eine größere Menge Zeitzünder in Griechenland zu kaufen. Fritz Molden versicherte Klotz dazu, dass er mit allem einverstanden sei und dass er zur Finanzierung der Südtirolangelegenheit bereits 1,000.000 Schilling zur Verfügung gestellt habe.“

Der Südtiroler BAS konnte bis auf wenige Ausnahmen mit diesen Planspielen wenig anfangen. Der überzeugte Katholik Kerschbaumer lehnte die Steigerung auf ein Gewaltniveau, das Menschenleben gefährden konnte, ab. Außerdem wollte er keine italienische Überreaktion provozieren und plädierte daher für eine Taktik der „Nadelstiche“, die er auch erfolgreich durchsetzen konnte. Nun rückte die Frage, wann genau der BAS auf diese Weise losschlagen sollte, in den Mittelpunkt. Am 25. Juli 1960 fand eine diesbezügliche Besprechung des Führungsgremiums des BAS, darunter Klotz, Amplatz, Pfaundler und Molden statt: „Die Südtiroler wurden aufgefordert sich auf ein Losschlagen im September vorzubereiten. Pfaundler führte dazu aus, dass sicherlich anlässlich der UNO-Debatte viele internationale Journalisten nach Südtirol kommen werden. Wenn zu diesem Zeitpunkt die Lage so ruhig ist wie bisher, wird man bei diesen Leuten kaum den erforderlichen Eindruck hinterlassen können.“ Pfaundler informierte die Runde weiters über die unerfreuliche Tatsache, „daß die Innsbrucker Polizei über alle Vorgänge beim BAS informiert sei und dieses Wissen nach Wien berichte. Molden wie auch Pfaundler erklärten, daß sie sich aus der Organisation zurückziehen werden und jede finanzielle Unterstützung einstellen müssten, wenn dies nicht anders werde.“

Moldens Rückzug aus dem BAS
Am 13. November 1960 fand eine Nachfolgebesprechung in Innsbruck statt. Molden, der auf Aktion gedrängt hatte, ruderte zurück: „Es wurde beschlossen, die beabsichtigten Aktionen bis zum Frühjahr zu verschieben, um alles besser zu organisieren und die Bewegung besser aufzubauen. Dies vor allem mit Rücksicht auf die UNO-Vollversammlung. Dr. Molden erklärte, man würde sich dzt. durch solche Aktionen vor der ganzen Welt in ein nicht mehr gutzumachendes Unrecht setzen; er könne daher einen sofortigen Aktionsbeginn nicht verantworten.“ Auch bei einer nachfolgenden Sitzung am 8. Dezember 1960 plädierten Molden und Bacher dafür, noch zuzuwarten, fanden aber keinen Rückhalt: „Wir konnten uns nicht durchsetzen, und wie sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten herausstellte, war die Entscheidung, loszuschlagen richtig und hat schließlich – wie ich heute überzeugt bin – nicht nur den Südtirolern ein großes Maß an zusätzlicher Freiheit und Selbstbestimmung gebracht, sondern auch Italien einen Krisenherd erspart, der langfristig wohl nicht zu vermeiden gewesen wäre.“

Jedenfalls wurde es mit den „Nadelstichen“ in Südtirol ernst: Ende 1960 wurde eine Sprengladung in einem Rohbau für italienische Zuwanderer in Bozen gelegt. Anfang 1961 folgten weitere aufsehenerregende Schläge: Gegen den „Aluminium Duce“ von Waidbruck, gegen die unbewohnte Villa eines faschistischen Senators sowie gegen Bauten für Zuwanderer in Bozen, Meran und Sarntheim. Diese punktuellen Attentate bereiteten die „Feuernacht“ vom 11. auf den 12. Juni 1961 vor: 37 Hochspannungsmasten wurden gesprengt, einige beschädigt, was die Stromversorgung in einigen Teilen Südtirols zusammenbrechen ließ „Damit“, so der „Spiegel“, „schien sich ein mitteleuropäisches Ferienparadies über Nacht in einen Partisanenkriegsschauplatz zu verwandeln.“

In den neuen Dokumenten, die nun für die Forschung zugänglich sind, stellt Molden jede Involvierung in solche Aktionen in Abrede. So gab er in der Vernehmung am 24. Februar 1961 an:

  • „Ich bin von Beruf Journalist und Zeitungsherausgeber und als solcher – wie schon erwähnt – an der politischen Entwicklung für ein freies Südtirol sehr interessiert. Es ist jedoch niemals meine Aufgabe gewesen, noch verfüge ich in diesem Zusammenhang über irgendwelche Vorkenntnisse, mich mit dem Transport oder der Anwendung von Sprengstoffen in Südtirol zu beschäftigen oder etwa solche Transporte zu finanzieren. Als Kulturmensch lehne ich im Übrigen Gewalttaten ab.“
  • „Ich weiß, dass von Seiten des ‚Berg Isel-Bundes’ im Einvernehmen mit dem Generalsekretär der Südtiroler Volkspartei hie und da politisch-propagandistische Funktionärs-Schulungen für Südtiroler SVP-Funktionäre in Innsbruck stattfinden. Es könnte sein, dass diese politischen Schulungen mit irgendwelchen organisatorischen Schulungskursen verwechselt wurden. Ich selber habe auch an solchen Schulungskursen niemals teilgenommen. Ich wiederhole und betone ausdrücklich, dass mir von Schulungskursen für Sabotage, Anschläge usw. in diesem Zusammenhang nichts bekannt ist, und ich persönlich glaube auch nicht an die Richtigkeit solcher Gerüchte.“
  • Molden zitierte im Rahmen der Vernehmung aus einer Richtigstellung, die er 1960 an eine italienische Zeitung geschickt hatte: „Richtig ist ferner, dass sich seit Jahren bemüht war und weiterhin bemüht sein werde, der – wie es mir scheint – außerordentlich gerechten Sache Südtirols, sei es nun publizistisch, sei es auch durch allerdings recht bescheidene Hilfeleistung jede nur mögliche Unterstützung zu gewähren.“
  • Die Darstellung im „Spiegel“ wies Molden zurück: „Ich bin lange genug im 2. Weltkrieg in der Wehrmacht und in der Widerstandsbewegung tätig gewesen, um zu wissen, dass ein solches Freikorps, das allerdings nur in der Fantasie einiger unterbeschäftigter Auslandsjournalisten besteht, falls es existieren würde, bei Gott völlig anders aussehen müsste als so, wie es sich der ‚Spiegel’ vorstellt.“
  • „Ich möchte abschließend noch einmal festhalten, dass sich nicht glaube, dass das Südtirolproblem durch Gewalttaten gelöst werden kann. Es ist jedoch klar darauf hingewiesen, dass wenn es überhaupt in Südtirol zu solchen bedauerlichen Aktionen immer wieder – und nicht erst seit einem Jahr – kommt, dies meiner Auffassung nach nicht auf irgendwelche geheimnisvollen österreichischen Organisationen, sondern, im ganzen genommen, auf die völlig falsche Politik Italiens in Südtirol und die damit verbundene Verbitterung weiter Kreise des Südtiroler Volkes zurückzuführen ist. Wenn Italien den Südtirolern endlich wenn schon nicht die Selbstbestimmung, so doch die Autonomie gewähren würde, wäre meiner Auffassung nach auch die Voraussetzung für eine friedliche Atmosphäre geschaffen und niemand müsste sich mehr länger mit unsinnigen Kombinationen über Attentate, Sabotageakte oder Untergrundbewegungen beschäftigen.“
Hinweis: Artikel zur Rolle Österreichs im Südtirolkonflikt 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Terrorismus in Frankreich: Lange zurückreichende Gewalt

Historisch betrachtet ist Paris unter westeuropäischen Großstädten oft von Terrorismus betroffen, der seinen Ursprung im Nahen und Mittleren Osten hat. In der Regel reagierte man darauf mit einer Mischung aus Härte und Pragmatik.

Die Terrorwelle in den 1980er Jahren
Noch in den 1970er Jahre trachtete man danach, Frankreich durch Neutralität aus internationalen Konflikten herauszuhalten und Terroristen so keinen Anlass zu geben, Aktionen gegen französische Ziele im In- und Ausland vorzunehmen. So wurde etwa die Tätigkeit der PLO in Frankreich toleriert und ein Netz an guten Beziehungen zu zahlreichen arabischen Staaten geknüpft, mit dem Effekt, dass das Land vom nahöstlichen Terrorismus dieser Epoche praktisch verschont blieb.

Dass änderte sich während der 1980er Jahre jedoch grundlegend: Die Intervention im Libanon, die Unterstützung des Tschad gegen eine libysche Invasion und Waffenverkäufe an den Irak während des Golfkrieges gegen den Iran führten dazu, dass es zu Vergeltungsanschlägen auf französischem Boden kam. Der Höhepunkt war eine Welle von Attentaten im Februar, März und September 1986 in Kaufhäusern, U-Bahnen und öffentlichen Gebäuden, die 11 Tote und mehr als 220 Verletzte forderte; es gab aber auch Angriffe gegen französische Einrichtungen im Ausland, wie das Attentat auf die Friedenstruppen im Libanon (1983), die Geiselnahme französischer Bürger in Beirut durch pro-iranische Milizen sowie die Sprengung eines französischen Airliners (1988). Abgesehen davon wurde die französische Hauptstadt auch zum „Schlachtfeld“ innerarabischer Auseinandersetzungen, etwa zwischen Syrien und dem Irak.

Nichtangriffspakt mit Abu Nidal
Obwohl stets dementiert, dürfte sich die Regierung von Premierminister Jacques Chirac gegen diese Bedrohung nur durch Verhandlungen und Konzessionen an die staatlichen Sponsoren der Terrorgruppen zu helfen gewusst haben. Im Februar 1986 wurden zwei Mitglieder der Abu-Nidal-Gruppe, die acht Jahre zuvor einen PLO-Repräsentanten ermordet hatten, plötzlich freigelassen. Vier Jahre zuvor hatte Abu Nidal ein blutiges Attentat im jüdischen Viertel von Paris verübt – offenbar auch, um Druck auf die französische Regierung auszuüben. Mitterrand soll daraufhin Pierre Marion, Chef des Auslandgeheimdienstes DGSE, autorisiert haben, den Terroristenführer zu töten, wenn sich die Gelegenheit bot. Man zog jedoch den Verhandlungsweg vor: Es soll ein geheimes Treffen zwischen Joseph Franceschi, dem französischen Sicherheitsminister, und Abu Nidal stattgefunden haben. Das Treffen führte angeblich zum Abschluss eines Pakts, in dem sich letzter verpflichtete, künftig keine französischen Ziele anzugreifen.  

Wie der britische Journalist John Follain in Interviews in Erfahrung brachte, hatte darüber hinaus Pierre Marion im September 1982 von Präsident Mitterrand Zustimmung erhalten, mit syrischen Stellen zu verhandeln, keine Attentate mehr in Frankreich zuzulassen. Daraufhin soll Marion ein Treffen mit Rifaat al-Assad, dem Bruder des syrischen Präsidenten, auf dem Golfplatz von Saint-Nom-la-Breteche arrangiert haben. Der Geheimdienstchef versprach bessere Beziehungen mit Frankreich, wenn Syrien seinen Einfluss geltend machen würde. Sollte dies nicht geschehen würde man gegen die Unterstützungsnetzwerke der Terroristen in Frankreich und anderen europäischen Ländern vorgehen – so auch gegen syrische Diplomaten (im Frühjahr 1982 hatte der Action Service, eine Eliteeinheit des DGSE, einen syrischen Kulturattache in Madrid bei einem Vergeltungsschlag schwer verletzt). Rifaat al-Assad soll daraufhin einen Art Nichtangriffspakt besiegelt haben. Interessanterweise flog Yves Bonnet, Chef des französischen Inlandsgeheimdienst DST – und Rivale seines Kollegen Marion – zwischen 1983 und 1985 mehrmals nach Damaskus und traf sich mit General Mohamed Al-Khuli, dem Befehlshaber des Geheimdienstes der syrischen Luftwaffe. Bonnet gab weiters an, mit „Leuten von der Abu-Nidal-Gruppe“, die „nicht unahngenehm, aber aufgebracht“ waren, gesprochen zu haben.

Die Verhandlungen mit den Syrern zogen sich noch länger hin: Laut „Le Monde“ besuchte eine französische Delegation im September 1986 Damaskus, wo man im Gegenzug für Waffenlieferungen, Informationen und Wirtschaftshilfe übereinkam, dass Syrien die Unterstützung für Terrorakte in Frankreich beendete und auf die Freilassung der Geiseln im Libanon hinwirkte. Drei Geiseln wurden daraufhin im November 1986 freigelassen. Dem Autor Douglas Porch zufolge hörten die Attentate in Frankreich danach auf, aber es gab einen „Preis“ zu bezahlen: „In jedem Fall gingen die terroristischen Angriffe auf Frankreich zu Ende. Aber der Preis war ein moralischer Kompromiss, der Frankreich im Interesse guter Beziehungen dazu verpflichtete, in die andere Richtung zu schauen, wenn von Syrien gesponserte Gruppen amerikanische und israelische Diplomaten angriffen.“

Deal mit dem Iran
Am 17. November 1987, wenige Wochen nachdem der französische Emissär Nicolas Ignaziew nach Beirut und Damaskus geflogen war, wurde zwischen Frankreich und dem Iran ein formelles Abkommen unterzeichnet, in dem sich Paris verpflichtete, einen Kredit, den der Schah einst gewährt hatte, zurückzuzahlen. Nach dem Sturz des Machthabers waren die Gelder in der Höhe von einer Milliarde Dollar „eingefroren“ worden. Außerdem verpflichtete sich Frankreich zur Lieferung von Waffen in den Iran als weitere Gegenleistung für die Freilassung der in Beirut verbliebenen Geiseln: Im März 1988 flog der Unterhändler Jean-Charles Marchiani zunächst nach Beirut, Damaskus und Wien, um die Details auszuverhandeln. Im Gegenzug landete am 4. Mai 1988 ein Flugzeug mit den drei französischen Staatsbürger, die jahrelang im Libanon festgehalten worden waren, auf einem Militärflughafen in der Nähe von Paris – nur vier Tage vor der entscheidenden Stichwahl um das Präsidentenamt zwischen Jacques Chirac, der als Premierminister den Deal eingefädelt hatte, und Amtsinhaber Francois Mitterrand am 8. Mai 1988. Der Ausgang des Duells wurde durch die Lösung der Geiselkrise jedoch nicht beeinflusst: Mitterrand gewann die Wahl und blieb weiterhin Präsident.

Teil der Vereinbarung war offenbar auch die Freilassung von verurteilten Terroristen in Frankreich: So wurde jener Wahid Gordiji, der als mutmaßlicher „Mastermind“ vieler Anschläge im Jahr 1986 in der Pariser Botschaft des Iran Schutz gesucht hatte, 1987 mit einer Polizeieskorte zum Flughafen gebracht. Drei Jahre später wurden weitere fünf Terroristen mit Verbindungen zum Iran entlassen und nach Teheran gesandt: Der prominenteste von ihnen war ausgerechnet jener Anis Naccache, der 1975 an der Seite von Carlos am OPEC-Überfall in Wien teilgenommen hatte. Nunmehr in iranischen Diensten hatte er 1980 erfolglos versucht, den letzten Premierminister des Schah, Shahpur Bakhtiar, in Paris zu ermorden. Dabei waren ein Polizist und eine Anwohnerin getötet worden. Nach zehn Jahren Haft wurde Naccache gemeinsam mit vier weiteren verurteilten Terroristen entlassen. Selbst was den außenpolitischen Kurs anging, kam es infolge der Terrorbedrohung zu Korrekturen: Frankreich zog aus dem Libanon ab, schraubte die Unterstützung für den Irak im Golfkrieg zurück und nahm mit dem Iran wieder diplomatische Beziehungen auf. Im Gegenzug blieb das Land von Terroraktivitäten bis Anfang der 1990er Jahre verschont.

Die 1990er Jahre: Anschläge algerischer Extremisten
Zu diesem Zeitpunkt begannen algerische Extremisten Ziele in Paris anzugreifen, weil Frankreich das autoritäre Regime der FLN gegen die radikal-islamistische Opposition unterstützte. Im Unterschied zu den 1980er Jahren schlugen die Behörden einen präventiven Ansatz gegen das Netzwerk algerischer Extremisten im Land ein: Im Rahmen von „Operation Chrysanthemum“ wurden innerhalb von zwei Tagen 110 Personen verhört und 87 verhaftet; 1994 zerschlug man das „Chalabi“-Netzwerk, eine wichtige Unterstützungsgruppe für den Kampf der radikal-islamischen Heilsfront FIS gegen die algerische Regierung, gefolgt von weiteren Verhaftungswellen 1995 und 1998. Ein entführter Air France-Flug wurde am 26. Dezember 1994 in Marseille von einem Kommando Elitegendarmen gestürmt und alle Luftpiraten wurden dabei getötet. Trotz der vorbeugenden Maßnahmen sollte im Juli 1995 eine Anschlagswelle beginnen, die bis Oktober 1995 10 Tote und 150 Verletzte forderte. Die Regierung reagierte umgehend mit der Verabschiedung härterer Antiterrorgesetze und mobilisierte 32.000 Soldaten, Polizisten und Zollbeamte zur Sicherung der Hauptstadt. Innerhalb von Wochen wurden bis zu drei Millionen Ausweise überprüft und 70.000 Personen für eine eingehende Befragung auf die Polizeireviere mitgenommen. Im Unterschied zu 1986 gelang es den Behörden aber, die Verantwortlichen für die Terrorakte innerhalb von vier Monaten  auszuforschen.

Neue Bedrohungen
Gegenwärtig sieht sich Frankreich mit einer neuen Form des Terrorismus konfrontiert, der bislang von Einzeltätern ohne staatliche Unterstützung oder Anbindung an Gruppen betrieben wurde:

  • Im März 2012 erschoss der 23-jährige Mohammed Merah innerhalb von vier Tagen in Toulouse und Montauban drei Soldaten auf offener Straße. Wenige Tage später tötete er drei Kinder und einen Lehrer einer jüdischen Schule in Toulouse. Am 22. März 2012 wurde Merah von einer Spezialeinheit getötet. 
  • Jener Attentäter, der am 24. Mai 2014 das jüdische Museum in Brüssel überfiel, war ein französischer Syrien-Rückkehrer. Schätzungsweise zwischen 700 und 1.000 französische Staatsangehörige haben sich dem Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien angeschlossen.
  • Im Dezember 2014 Dijon fuhr ein Autofahrer 13 Fussgänger an, während ein mit einem Messer Bewaffneter einen Polizeiposten in Joué-lès-Tours überfiel. Bei beiden Vorfällen gab es Hinweise auf radikal-islamistische Motive der Täter. 
  • Vieles deutet darauf hin, dass der neue Terrorismus wie schon in den 1980er und 1990er Jahren unter anderem auch auf die außenpolitische Rolle Frankreichs abzielt – dies betrifft etwa die zu Ende gehende Präsenz in Afghanistan sowie die Interventionen gegen radikal-islamistische Gruppen in Mali und gegen Rebellen im Tschad. IS hat auch öffentlich dazu aufgerufen, Anschläge in Ländern zu verüben, die Teil der von den USA geführten Allianz sind.

Dienstag, 6. Januar 2015

„Stay behind“ in Österreich - Teil 2: Der "Kern" für eine österreichische Guerilla

Die genaue Rolle der österreichischen Nachkriegspolitik in all den geheimdienstlichen Manövern und Planspielen zu stay behind ist am undurchschaubarsten. Aus einem Dokument zu „Operation Iceberg“ von 1951 geht jedenfalls hervor, dass die CIA eine Kooperation mit dem Innenministerium anstrebte – im Austausch für finanzielle und andere Hilfen. Die politische Situation hatte aber noch nicht den Punkt erreicht, wo es „günstig“ war, Entscheidungsträger darauf anzusprechen. Vorbereitungsbesprechungen hatten aber bereits stattgefunden.

Siehe dazu auch: Christoph Franceschini und Thomas Riegler, Guerillas für den Dritten Weltkrieg, in: profil, Nr. 2/2015, S. 36-39

Aufbau bewaffneter „Widerstandsgruppen“
Als 1996 die US-Waffenlager bekannt geworden waren, hatte sich ein Zeitzeuge zu Wort gemeldet – der 2014 verstorbene Widerstandskämpfer und Verleger, Fritz Molden. Als Sekretär von Außenminister Karl Gruber war er damals in die Vorgänge eingeweiht. Molden zufolge wurde bereits 1946 „im engsten Kreis“ besprochen, was für den Fall der Errichtung des Eisernen Vorhangs innerhalb Österreichs zu tun sei: Der Aufbau bewaffneter „Widerstandsgruppen“ mit Unterstützung der USA. Molden wusste, von was er sprach. In einem CIA-Memo von 1953 heißt es zu „GRSPINAL 1“: „Hauptagent, leitet das redaktionelle und geschäftliche Management von zwei Tageszeitungen und einer Wochenillustrierten.“ Das ist eine exakte Beschreibung von Moldens damaliger Geschäftstätigkeit als Verleger.

Fritz Molden 2010 (Quelle: Wikimedia Commons)
Gar nicht harmlos: Der „Österreichische Wander-, Sport und Geselligkeitsverein"
Konkret war Anfang der 1950er Jahre innerhalb des Gewerkschaftsapparats eine „systematische Abwehrorganisation“ entstanden. Vorangetrieben wurde dieses „Sonderprojekt“ vom späteren ÖGB-Präsident und Innenminister Franz Olah. Zwecks Tarnung liefen alle Aktivitäten über einen eigens gegründeten Verein namens Österreichsicher Wander-, Sport- und Geselligkeitsverein (ÖWSGV).

Wie Olah in seinen Erinnerungen betont, war das zentrale Element des „Sonderprojekts“ der Aufbau eines Funknetzes. So wurden in allen Bundesländern (mit Ausnahme von Vorarlberg) in den Hauptstädten Funkgeräte installiert – in Niederösterreich auch in Wiener Neustadt, St. Pölten und Krems. Das stellte die Koordination der verschiedenen ÖWSGV-Gruppen sicher – diese waren nicht nur mobil, sondern auch schlagkräftig: „Wir hatten Jeeps, Geländefahrzeuge, Landrover, Motorräder und andere Fahrzeuge. Es erfolgte auch die Ausbildung von Spezialgruppen nicht nur in modernen, leicht zu handhabenden Schusswaffen (Schnellfeuerwaffen), in modernem Sprengstoff (Plastiksprengstoff)  sowie in der Ausbildung von Judogruppen.“  Als Olah 1969 vor Gericht gefragt wurde, woher die Angehörigen des „Sonderprojekts“ ihre Kenntnisse hatten, antwortete er: „Sie waren im Krieg. Aber ihre Kenntnisse wurden von Fachleute in Ausbildungslagern aufgefrischt, sie wurden ja eigens geschult.“

In der Wiener Liebhartsgasse befand sich ein Depot, weitere Waffenlager wurden im Westen, außerhalb der sowjetischen Zone, eingerichtet: „Die eigentlichen großen Lager (zwei oder drei) von Waffen aller Art waren unter Doppelsperre. Ich hatte die Möglichkeit, mit einer zweiten Person gemeinsam erforderlichenfalls davon Gebrauch zu machen. […] Im Salzburgerischen, in Golling, lagerte die Winterausrüstung für eine komplette Kompanie. Ein Angestellter der Stadt Wien, ein ausgebildeter Waffenmeister, war freigestellt, um unsere Ausrüstung in Schuss zu halten – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Olah selbst hatte in einem Stahlschrank in seinem Büro „einen kleinen Vorrat an Waffen bis hin zu Maschinenpistolen, um uns im Notfall den Weg freizumachen“. Außerdem verfügte man über eine „große Zahl“ von Tränengasbomben, „deren Einsatz wäre bei Unruhen am Anfang viel wirksamer und auch viel vernünftiger gewesen als sofort zu schießen“. Mehrere Regierungsmitglieder – Innenminister Oskar Helmer, Gewerkschaftsbundpräsident Johann Böhm und Bundespräsident Adolf Schärf – sollen laut Olah über das Sonderprojekt informiert gewesen sein, „allerdings ohne Kenntnis der Details der Organisation“. Insgesamt, so Olah, seien „wohl ein paar tausend Österreicher  mit unseren Vorbereitungen in Kontakt gekommen“. Der eigentliche Apparat bestand jedoch nur aus ein paar Dutzend Leuten, „meist Gewerkschafts- oder SPÖ-Funktionäre aus den Bundesländern; einige von ihnen sind später Mandatare geworden“.

Der Staatsvertrag und die Neutralität stellten kein Hindernis dar
Wie aus den neuen Dokumenten hervorgeht, hatte die Unterzeichnung des Staatsvertrags keineswegs das Ende für die geheimen Aktivitäten im „neutralen“ Österreich bedeutet: 1955 wurden insgesamt 12 Sabotage- und 10 „air-receiption“-Lager angelegt (die Ausrüstung in letzteren Depots dürfte dazu gedient haben, Landeplätze für Luftnachschub zu markieren). Erst in den frühen 1960er Jahren wurden infolge der sich „ändernden Situation“ die Leitlinien des stay behind-Programms GRCROOND geändert: Trotz der nunmehr angenommenen Unwahrscheinlichkeit eines kommunistischen Putschs wurden die vorhandenen Aktivposten weiter geführt. „Sowjetische Aggression“ war immer noch im Bereich des Möglichen. Allerdings wollte die CIA die Verantwortung für Sabotagemaßnahmen im Kriegsfall zunehmend an österreichische Kräfte abtreten.

„GRDAGGER Organization“
Damit war in erster Linie Olahs Truppe gemeint. Aus den neuen CIA-Dokumenten geht hervor, dass die CIA diese „GRDAGGER-Organisation“ für Guerilla- und Sabotageakivitäten am Hochschwab und im Greinerwald nutzbar machen wollte und zu diesem Zweck auch in Ausbildungsmaßnahmen investierte. Zuversichtlich stimmte die CIA, dass Olahs Verband über gute Beziehungen zu mächtigen Regierungskreise verfügte und antikommunistisch orientiert war. Über Olah (GRDAGGER 1) hieß es, er habe ein starkes Interesse daran, sich als Widerstandsführer zu profilieren, sollte es zum Krieg kommen. Ende 1955 bestand die „GRDAGGER-Organisation“ aus 20 Personen, von der sich die CIA gute Chancen ausrechnete, einen  effektiven „Kern“ für eine österreichische Guerilla zu bilden: „Wir schätzen, dass die GRDAGGER-Organisation innerhalb von sechs Monaten nachdem der Krieg ausgebrochen ist auf 250 Mann angewachsen sein wird. GRDAGGER besteht aus Angehörigen einer SPÖ-nahen Gewerkschaft mit 40.000 Mitgliedern, von denen viele als potentielle Rekruten für Widerstandsgruppen im Kriegsfall angesehen werden können.“

Auszug aus CIA-Dokument zur GRDAGGER-Organization (Quelle: www.foia.cia.gov)
Spuren verwischt
Bedauerlicherweise existieren dazu in österreichischen Archiven praktisch keine Unterlagen: Olah hatte seine Spuren penibel verwischt. Schon in den 1960er Jahre wurden alle Akten zum „Sonderprojekt“ durch den Reißwolf geschickt. Der ehemals mächtige Olah hatte sich selbst ins Aus manövriert – unter anderem wegen eigenmächtiger Verwendung von Gewerkschaftsgeldern musste er 1964 zurücktreten und wurde fünf Jahre später zu einer Haftstrafe verurteilt. Olah, der 2009 verstarb, hielt sich zeitlebens bedeckt. Ob und wenn ja in welcher Form die österreichische Beteiligung an stay behind weiterging, darüber könnten US-Akten Aufschluss geben, die heute noch unter Verschluss gehalten werden. Erwiesen ist nun allerdings wie substantiell das an sich neutrale Nachkriegsösterreich ins westliche Lager eingebunden war – und in welchem Ausmaß sich heimische Politiker und Freiwillige für die US-Kriegspläne engagierten. 

Auszug aus CIA-Dokument (Quelle: www.foia.cia.gov)

Montag, 5. Januar 2015

„Stay behind“ in Österreich - Teil 1: Guerillas für den 3. Weltkrieg

Neue Dokumente belegen erstmals, wie die CIA ab Ende der 1940er Jahre in Österreich ein Widerstandnetz gegen die Rote Armee installierte - unter tatkräftiger Mithilfe heimischer Stellen

Siehe dazu: Christoph Franceschini und Thomas Riegler, Guerillas für den Dritten Weltkrieg, in: profil, Nr. 2/2015, 36-39.

Es ist kein Schatz, der 1948 im Unterholz nahe der Sieveringer Straße im Wienerwald vergraben wurde, sondern ein amerikanisches Funkgerät. Drei markante Ahornbäume „markierten“ die Stelle, wo das SSTR-1 15 cm unter der Erde versteckt war – in einer Metallbox als Schutz gegen die Witterung. Dieses Erddepot war nicht das einzige seiner Art. Ein weiteres Funkgerät wurde nur kurz entfernt, nahe der Bellevuewiese, in einem Buschstreifen verscharrt. Mitvergraben wurden auch sogenannte codierte „signal plans“, also Pläne und Angaben, wie die Agenten im Kriegsfall mit ihren Auftraggebern Kontakt aufnehmen sollen. Insgesamt waren zehn Verstecke angelegt worden: Die meisten im Westen von Wien, aber auch in einem Garten in Klosterneuburg sowie nahe von Wiener Neustadt. Die verbuddelten Funkgeräte gehörten zu einer streng geheimen Operation der CIA, deren genaue Details auch heute noch im Dunkeln liegen. Freigegebene Dokumente ermöglichen nun erstmals Einblick in die Ereignisse vor fast 70 Jahren.
Ungefährer Ort des Funkgerät-Verstecks nahe der Sieveringer Straße (Foto: Autor)
Stay behind
Das vor kurzem gefeierte Jubiläum der friedlichen „Wende“ von 1989 sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kalte Krieg eine spannungsgeladene Zeit war. Vor allem die Anfangsphase war eine „heiße“ Phase: Ende der 1940er Jahre hatten Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei übernommen und Stalin blockierte den Zugang zu West-Berlin. Zwischen 1950 und 1953 wütete der Koreakrieg. Nirgendwo fühlte man diese Erschütterungen stärker als im besetzten Nachkriegsösterreich, wo die Machtblöcke unmittelbar auf einander trafen. Hier befürchtete man eine Teilung des Landes ebenso wie einen Putsch der KPÖ. Überhaupt schien eine Invasion der Roten Armee unmittelbar bevorzustehen. Die Alliierten rechneten sich für diesen Fall keine Chance aus, Westeuropa wirksam zu verteidigen. So wollte man sich zunächst zurückziehen, um dann den Gegenschlag zu starten. Bis es soweit war, sollten Guerilla- und Partisaneneinheiten im Rücken der Front aktiv werden. Diese Kräfte sollten zurückbleiben und sich von der Front überrollen lassen („stay behind“). Dann lautete ihr Auftrag: Lokale Widerstandszellen bilden, Informationen über den Feind sammeln und durch Angriffe aus dem Hinterhalt Chaos verbreiten.
CIA-Lageplan zum Versteck bei der Sieveringer Straße (Quelle: www.foia.cia.gov)
US-Waffenlager in Österreich
Die CIA, selbst erst 1947 gegründet, koordinierte den Aufbau dieser Spezial- und Guerillaeinheiten in ganz Westeuropa. Agiert wurde in allen NATO-Staaten, aber auch in neutralen Ländern wie Finnland, Schweden und der Schweiz. In Italien trug die Struktur den Decknamen „Gladio“, was seither zum Synonym für Staatsterror geworden ist. Denn die Einheit soll auch gegen den „inneren Feind“, die starke kommunistische Partei, mobilisiert worden sein. Und Österreich? 1996 wurden nach Information durch die USA 79 Waffenlager lokalisiert: Darin fanden sich mehrere Tonnen Sprengstoff, Landescheinwerfer, Schalldämpferpistolen und Jagdmesser – aber auch deutschsprachige Anleitungen für den Guerillakrieg. „Das lässt darauf schließen, dass die Lager – zumindest auch – für österreichische ‚Widerstandskämpfer‘ angelegt worden waren. Zur Unterstützung eines Guerillakrieges mit eventueller Unterstützung aus der Luft (Nachschub von Waffen und Ausrüstung)“, heißt es im Bericht einer eigens eingerichteten Regierungskommission. Angelegt wurden die Lager zwischen 1949 und 1954. Genauer ließ sich ihre Funktion sowie eine mögliche österreichische Beteiligung damals noch nicht bestimmen.
Bäckerstraße 7, Wien 1: Im zweiten Stock wurde Material für das stay behind-Programm verwahrt (Foto: Autor)
Operation Iceberg
2006 erschien „My Father, the Spy“ – ein sehr persönliches Buch des Autors John F. Richardson über seinen Vater „Jocko“, der Ende der 1940er Jahre CIA-Stationschef in Wien war. Darin ist auch Rede davon, dass die CIA österreichische Funker rekrutierte und Funkgeräte an ausgewählten Punkten innerhalb der sowjetischen Zone vergraben ließ. Die neuen Dokumente beziehen sich teils auf dieses Unternehmen, das nun erstmals offiziell beim Namen genannt werden kann: „Operation Iceberg“.
Ein weiteres Funkgerät-Versteck: Buschstreifen nahe der Himmelstraße (Foto: Autor)
Die dafür angeworbenen stay behind-Agenten sollten nach Ausbruch von Kampfhandlungen die versteckten Funkgeräte bergen, um damit Informationen durchzugeben. Was sie nicht tun sollten war, sich an Sabotage- oder Widerstandsakten zu beteiligen. 1953 zählten zu „Operation Iceberg“ insgesamt sechs österreichische Funker, die ihre Ausbildung großteils abgeschlossen hatten und instruiert waren. Wie aus einem CIA-Dokument hervorgeht, erwartete man von ihnen im Kriegsfall das Beschaffen/Durchgeben von Informationen bezüglich:

·       Straßen- und Schienenbewegungen zwischen Wiener Neustadt-Graz sowie auf der Hauptroute über den Semmering
·       Beobachtungen von Truppenstationierungen in Wiener Neustadt bzw. des dortigen Flugfelds
·       Aufklärung von Bombenschäden in Wien und Wiener Neustadt (um so die Effektivität von Luftangriffen einzuschätzen)
·       „Operational intelligence“ zur sowjetischen Besatzungsadministration (Dokumente, Reise- und Postkontrolle)
·       Aktivitäten der KPÖ und der „Marionettenregierung“, die die Kommunisten nach Meinung der CIA installieren würden

Die sechs Agenten für „Operation Iceberg“ waren fast durchwegs Wehrmachtsveteranen und von daher mit der Handhabung eines Funkgeräts vertraut. Vom Alter her waren sie bunt gemischt, der älteste 46 und der jüngste 23 Jahre alt. Einer der Funker war Tierarzt in einem Dorf südwestlich von Wien – für die CIA war das perfekt als zivile Tarnung geeignet. Aufgrund seiner Erfahrung als Funker bei der Heeresgruppe Süd war der frühere Unteroffizier nach Meinung seiner Betreuer allerdings nicht leicht unter Kontrolle zu halten. Ein weiterer Agent, ein damals 32jähriger Elektriker und KPÖ-Funktionär, sollte vor allem das Personal, die Organisation und die Vorhaben der Kommunisten aufklären. Seine Homosexualität wurde jedoch als potentielles Sicherheitsrisiko angesehen, weil der Agent dadurch „erpressbar“ sei. Ein stiller, introvertierter Typ wiederum war der 26jährige Medizinstudent, den man für „Operation Iceberg“ rekrutiert hatte: Streng katholische Erziehung und „bürgerliche Moral“ hatten ihn zu einem überzeugten Antikommunisten gemacht. Die übrigen drei Agenten waren ein technischer Zeichner, ein Betriebsaufseher und passenderweise ein Verkäufer von Radioapparaten. Falls die Rote Armee tatsächlich nach Westen vorgestoßen wäre, wären diese Freiwilligen quasi die „Augen“ und „Ohren“ der Alliierten gewesen. Alleine schon dadurch, dass sie sich mit der CIA einließen, riskierten sie viel. So vermutete die CIA, dass den Sowjets die militärische Vergangenheit einiger der Agenten bekannt war – was deren „stay behind-Lebensdauer“ verkürzen würde.

CIA-Lageplan zum Versteck in der Nähe der Himmelstraße (Quelle: www.foia.cia.gov)
GRCROOND
In Westösterreich – Salzburg und Tirol – zog die CIA noch ein viel breiter dimensioniertes stay behind-Netz hoch. Ziel des Programms mit der sperrigen Bezeichnung „GRCROOND“ war es, Waffen- und Ausrüstungslager anzulegen sowie passendes Personal zu rekrutieren – damit die Strukturen im Ernstfall jederzeit bereit gewesen wären, loszuschlagen. Auch wollte man eine „Flucht- und Evakuierungsroute“ von Ost- nach Westösterreich anzulegen, deren Zubringer bis an die ungarische sowie tschechische Grenze heranreichten. VIPs, aber auch abgeschossene Piloten, Agenten oder Überläufer sollten so in Sicherheit gebracht werden.

1948 waren im Zuge von „Operation Iceberg“ vier Funkgeräte an die Salzburger CIA-Station zum Vergraben übergeben worden. In den darauffolgenden Jahren wurden die Kapazitäten deutlich erweitert. Aus einer Auflistung von 1957 geht hervor, wie viele geheime Waffen- und Ausrüstungslager angelegt wurden: 12 (1951), 14 (1952), 3 (1953) und 35 (1954). Die Depots wurden teils in alpinen Geländen – am Hochschwab, im Sengsengebirge, am Pötschen- und Phyrnpass angelegt – und darüber hinaus unter anderem in der Nähe von Lambach, Ried im Innkreis, am Traun- und Attersee, Bad Hofgastein und südlich von Steyr. Ein Vergleich mit einer Auflistung jener Waffendepots, die 1996 vom Bundesheer geräumt wurden, zeigt zahlreiche Übereinstimmungen. Damals hatte sich gezeigt, dass die Waffen und Sprengmittel „ungewöhnlich tief“ vergraben gewesen waren – so tief, dass es bei Schneelage und Frost kaum möglich gewesen werde, diese händisch zu bergen. „Dies spricht gegen eine sorgfältige Planung bzw. Durchführung der Aktion“, schloss der Untersuchungsbericht. Die genaue Funktion der 79 Depots hatte dmals aber nicht geklärt werden können – nun stehen erstmals Unterlagen zur Verfügung, die den Zweck und die Entwicklung des CIA-Programms nachvollziehbar machen.

Ausbildung durch US-amerikanische Special Forces
Ein Status-Report von Ende 1958 listet insgesamt 18 verschiedene Agenten auf. Der jüngste ist 30, der älteste 59 Jahre alt. Es handelt sich um eine bunt gemischte Truppe: Zwei Ski-Lehrer, ein Arzt, ein Automobilhändler, ein Assistent eines Rechtsprofessors, ein Englisch-Lehrer, ein Chauffeur, ein Handelsreisender, ein Verkäufer, ein Elektriker, ein Handelschul-Lehrer, ein Lagerverwalter, zwei Beamte, ein Vorarbeiter sowie drei lokale ÖVP-Politiker. Vor allem letztere waren für die CIA interessant: Der damals 40jährige Agent „GRREPAIR-7“ beispielsweise war Gemeindesekretär, Vorsitzender des örtlichen Veteranenverbands und Versicherungsvertreter. Im Falle einer kommunistischen Machtübernahme würde man ihn wahrscheinlich als „Volksfeind“ politisch entmachten und verhaften, erwartete die CIA. Im Kriegsfalle sollte er so schnell als möglich all jene rekrutieren, die ihm für eine Verwendung tauglich erschienen. Anschließend würde es darum gehen, Luftnachschub oder abgesetzte Special Forces-Soldaten in Empfang zu nehmen. Vor allem aber würden der Agent und seine Truppe auf genaue Anweisungen warten – und sofern befohlen auch Sabotageakte durchführen. 

„GRBLAMRD-26“, ebenfalls ein 59jähriger Lokalpolitiker, wurde dagegen schon als zu alt und militärisch zu unerfahren angesehen. Dagegen war „GRRERPAIR-4“, ein prominentes Mitglied einer Bezirksregierung, zur sofortigen Evakuierung im Falle eines sowjetischen Angriffs vorgesehen – sein offener Antikommunismus und sein detailliertes Wissen über die stay behind-Operationen ließen keine andere Wahl. Nicht alle der Agenten waren voll bei der Sache oder physisch fit: Einer der beiden Ski-Lehrer litt nach einem Sturz vom Lift unter Gedächtnisschwäche, während der 34jjährige Englischlehrer überhaupt wenig Interesse am Spionage-Training zeigte. Neben finanziellen Aspekten bestand seine Motivation vor allem darin, gegen den Kommunismus zu arbeiten und „kulturellen Kontakt“ zu native speakern zu pflegen.

Die stay behind-Agenten wurden entsprechend ausgebildet – und zwar durch Experten auf dem Feld der Guerilla- und Partisanenkriegsführung: Seit 1953 war im bayrischen Bad Tölz die 10. Special Forces Group stationiert. Neun Jahr später sagte deren Befehlshaber begeistert zu, die Österreicher zu trainieren. Für ausgewählte Teilnehmer gab es einen einwöchigen Kurs – auf dem Curriculum standen:

  • „Vertrautmachen“ mit all jenen Schusswaffen, die der Agent in seinem Wirkungsbereich benötigen würde
  • Sprengausbildung
  • Funken
  • Orientierung im Gelände mit Karte und Kompass
  • „Luft-Nachschub“ organisieren, d.h. die Agenten mussten eine passende Landezone für Abwürfe von Flugzeugen auswählen und diese mit Signallampen markieren
  • Überlebenstraining im alpinen Gelände
Beispielsweise wurde der Agent mit dem Codenamen „GRIMPASTE“ im Mai 1962 von den „Ledernacken“ so richtig in die Mangel genommen: Sein Überlebenstraining schloss das Kochen und das Zubereiten eines lebenden Hasen mit ein. Eigentlich war dasselbe Schicksal für ein Huhn angedacht gewesen. Aber dieses sprang noch rechtzeitig aus der Box und nahm Reißaus. Ein Sergeant nahm mit einem Beil in der Hand die Verfolgung auf, hatte aber das Nachsehen.
Funkgerät-Versteck nahe Himmelstraße (Foto: Autor)

Dienstag, 9. Dezember 2014

„Wien war ein Paradies“: Osthandel, Technologietransfer und das „Farewell-Dossier“

Es war einer der größten Coups des Westens im Kalten Krieg: Im Sommer 1981 übergab der französische Präsident Francois Mitterrand seinem US-amerikanischen Amtskollegen Ronald Reagan streng geheimes Material, das sogenannte „Farewell Dossier“. Dabei handelte sich um die „Shopping Liste“ des für Technologiespionage zuständigen „Direktorats T“ des KGB. Weiters enthüllt worden sein sollen die Namen von mehr als 200 im Westen stationierter Agenten der „Line X“, des operativen Arms des „Direktorats T“. Ursprünglich stammte das „Farewell Dossier“ von dem abtrünnigen KGB-Oberst Vladimir I. Vertov. Er hatte insgesamt 4.000 Dokumente abfotografiert und dem französischen Geheimdienst zugespielt. Der Verrat flog schließlich auf – Vertov wurde 1985 hingerichtet.

Das „Farewell Dossier“ öffnete ein Fenster in eine der wichtigsten Spionageaktivitäten der Ostgeheimdienste: Die illegale Beschaffung von Hochtechnologie. Schon ab Mitte der 1960er Jahre hatten die Sowjetunion und ihre Satelliten einsehen müssen, dass sie in diesem Bereich gefährlich hinterherhinkten. Gleichzeitig war der Zugang zu westlichen Technologien mit einem Embargo abgeschottet. Das 1949 gegründete Coordinating Committee for Multilateral Exports Controls (COCOM), dem alle NATO-Staaten sowie Japan und Australien angehörten, führte eine Liste von Gütern und Technologien, deren Export verboten war. Der Ostblock fand jedoch eine pragmatische Lösung: Wo es nicht möglich war, westliche Technologie und Know-how legal zu erwerben, wurde es eben von den Geheimdiensten beschafft. Auf diese Weise ersparte man sich nicht nur Milliarden an Entwicklungskosten, sondern konnte beispielsweise eigene Waffensysteme mit westlicher Mikrotechnologie – Mikrochips, Halbleitern, Computersteuerungen – aufrüsten.

Aus dem „Farewell Dossier“ ging erstmals hervor, wie umfangreich der Schmuggel zwischen West und Ost war. Vor allem aber gewannen die westlichen Dienste mittels der „Shopping Liste“ Einblick darin, auf welche Technologien und Produkten es die Sowjets abgesehen hatten. Innerhalb der CIA reifte daraufhin die Idee, manipulierte Soft- und Hardware einzuschleusen und so dem Beschaffungsprogramm von innen her Schaden zuzufügen. Ebenso fanden irreführende Ideen und Designs in Bezug auf Tarnung, Kriegsführung im All und neue Kampfflugzeuge den Weg in sowjetische Ministerin und Entscheidungszentren. Weiters wurde gezielt Desinformation über CIA-Tarnfirmen gestreut – verfälschte Entwürfe und technische Daten von Gas-Turbinen, Ölförderungs-Ausrüstung, Computer-Chips und chemischen Verbindungen. Der wirkungsvollste Sabotagefall war eine gewaltige Explosion im Urengoi-Gasfeld im Dezember 1983, nachdem ein „Trojaner“ in der Steuerungssoftware mit Verzögerung aktiv geworden war.

Konsequenzen des geheimdienstlichen Schattenkriegs rund um das „Farewell Dossier“ waren auch in Österreich zu spüren: Das neutrale Land war nämlich ein Zentrum des Osthandels. Im Unterschied zu den COCOM-Mitgliedstaaten war Österreich an keine internationalen Vereinbarungen gebunden und sah auch zunächst auch keine Veranlassung, sich an westliche Kontrollbedingungen zu halten. Im Gegenteil, die wirtschaftlichen Beziehungen mit den kommunistischen Staaten – die in den 1970er Jahren etwa 15 % des gesamten Außenhandelsvolumens ausmachten – wurden als wichtiger eingeschätzt als westliche Sicherheitsbedenken. Erst 1987 erzwangen die USA eine entsprechende Verschärfung der Außenhandelsbestimmungen.

Darüber wie der Technologietransfer von Wien aus konkret funktionierte und wie der lange Arm der CIA schließlich hineinspielte, kann am besten ein Betroffener Auskunft geben. Der Zeitzeuge war Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre ein versierter Osthändler und erklärte sich unter der Bedingung der Anonymität zum Interview bereit:

Welche Rolle spielte Wien im Osthandel?
Wien war großartig, es war ein Paradies. Im Prinzip galt ein Computer, der nach Österreich importiert wurde, als österreichische Ware. Dann ging es weiter per Flugzeug nach Moskau. Wien war ja neutral – unter Anführungszeichen. Wir hatten wunderbare Spediteure hier, die haben gut mitgeholfen und auch gut verdient daran. Es war immer nur die Diskussion, wie groß ist die Lukenöffnung des Flugzeugs, was kriegen wir da alles hinein. Das war die Kernfrage. Nach österreichischer Gesetzeslage war das alles legal. Das hat sich geändert, als Österreich von den USA unter der Federführung von Richard Perle unter Druck gesetzt wurde, das Import/Exportgesetz zu verschärfen – in Angleichung an die COCOM-Liste. Dann ist es für uns Embargohändler ein bisschen schwieriger geworden, aber auch nicht wirklich. Ich erinnere mich gut an den obskuren Spruch eines US-Zollfahnders „I don’t like the Russians, but I hate the Austrians!“

Die österreichischen Behörden haben da ein Auge zugedrückt?
Man zahlt nicht, bevor man weiß, was man wirklich kriegt. Das wichtigste bei den Lieferungen ist die Packliste, das ist das Herz des Embargogeschäfts. Damit kann man kontrollieren, wo ist was drinnen. Ein befreundeter Embargohändler hat einmal eine Lieferung von 80 Kartons erhalten. Wir haben zu zweit vier bis fünf Stunden lang in der Zollfreizone am Wiener Flughafen jedes Paket aufgemacht und auf den Inhalt kontrolliert. Der Zoll hat weg geschaut. Das wäre heute undenkbar, das gibt’s nicht mehr.

Wie ist so ein Geschäft beispielweise abgelaufen?
Der Kunde in Moskau sagt, wir hätten Interesse, ein bestimmtes Gerät zu kaufen, beispielsweise ein Gigahertz-Messgerät für Satellitenkommunikation. Solche Messgeräte sind extrem heikel, teuer und schwer zu bekommen. Da gabs keine Produktion in der Sowjetunion dafür. Da fahre ich nach Hause und fange an, anzurufen - wer kann das liefern. Wie kriegt man so etwas? Das schwierige ist ja das Kriegen, nicht das Verkaufen. Und da habe ich einen guten Bekannten gehabt, der hat jahrelang bei Siemens-Deutschland gearbeitet und kennt die dortigen Direktoren. Den habe ich angerufen und gesagt: Wir brauchen das, kannst du uns das besorgen, ist viel Geld für dich drin. Und der hat tatsächlich jemanden gefunden, bei Siemens-Südafrika. Siemens-Südafrika hat dann dieses Gerät angefordert bei Siemens-Deutschlandzentrale in München. Die wiederum haben es in den USA geordert und haben das Gerät sofort eine Ausfuhrgenehmigung bekommen, weil Siemens eben Siemens ist. Das kam dann nach München, von dort aus nach Johannesburg. Dort hat Direktor das ohne Vorfinanzierung in Empfang genommen. Ohne Anzahlung. Dann hat mein Freund gesagt, schickt mir das nach Zürich, ich hafte euch dafür. In Zürich habe ich die Ware dann inspiziert, übernommen und meinem Kontaktmann, dem Vermittler einen Bankscheck gegeben. Dann gings von Zürich weiter nach Wien, denn direkt nach Moskau wäre zu auffällig gewesen. Das ist alles ohne Zollschwindel oder Falschdeklaration gelaufen, es hätte uns nichts passieren können.

Es lief also viel über persönliche Kontakte?
Die persönlichen Kontakte waren ganz wichtig. Die baute man sich auf, wenn man viel in der Welt herumkam. Teure Hotelbars sind ein idealer Ort für so etwas. Geschäfte macht man nie im Büro, sondern in Bars und Nachtlokalen. Im Hotel „Vier Jahreszeiten“ in München habe ich viele interessante Leute kennengelernt, auch uninteressante – die aber fürs Geschäft wichtig waren.

Wie war Moskau in den 1980er Jahren?
Es herrschte damals große Konkurrenz unter den Embargohändlern. Im Moskauer Hotel National haben sich alle die Klinke in die Hand gegeben. Da waren die Deutschen, die Österreicher, die Italiener mit Bauchladen sozusagen was sie verkaufen wollten an Hochtechnologie. Wir haben uns untereinander gut gekannt, haben gewusst, wer was macht. Ich selbst war jede zweite Woche in Moskau – es hat immer wieder Ausstellungen und Messen gegeben, für Industriegeräte, für Fahrzeuge, etc. Die Embargohändler hatten dann irgendwo in einer Halle im ersten Stock Kojen – vier mal fünf Meter ungefähr, mit einem Tisch und Sesseln – und dort ist über oft über Multimillionenverträge verhandelt worden. Und später am Abend haben sich die Händler an der Hotelbar wieder getroffen, und man hat zusammen angestoßen.

Hotel National, Moskau (Quelle: A. Savin/Wikimedia Commons)
Welche Maßnahmen haben die USA ergriffen?
Die Amerikaner waren schlampig: Denn das meiste was an Technologie rausgeht, befördert die Post – wir haben am New Yorker Hauptpostamt unzählige Pakete nach Wien aufgegeben. Dort ist das meiste rausgeflossen, das wurde erst relativ spät überwacht. Das zweite war: Händler erwischt man nur über den Geldfluss von Konto zu Konto. Wir haben von der russischen Bank in Zürich 20kgweise Dollar auf unsere Schweizer Bank getragen, in cash. Die Schweizer Banken haben damals mit Freuden cash genommen. Das ist heute alles nicht mehr möglich. 10.000 Dollar wurden da gebündelt und in Plastik versiegelt. Die russische Bank musste das vorher bei der Schweizer Zentralbank bestellen und abheben. Die haben das abgehoben und am Tisch gestapelt. Wir haben es in Reisetaschen eingepackt und sind damit über die Züricher Bahnhofstraße zu unserer eigenen Bank gegangen. Dort musste nichts nachgezählt werden, weil die Bündel ja noch von der Zentralbank versiegelt waren. Die hat das dann am nächsten Tag wieder zurückerhalten. Ohne Nachweis, woher das Geld kam.

Eingang zum Ausstellungs- und Messeglände, Moskau (Quelle: Wikimedia Commons)
Die CIA hat Anfang der 1980er Jahre Erkenntnisse aus dem „Farewell-Dossier“ erhalten – was waren die Folgen für Osthändler?
Die CIA hat nach dem Motto reagiert: „Wenn wir es schon nicht verhindern können, wollen wir doch die Kontrolle darüber haben, was geliefert wird und wohin. Und wir können auch selber liefern.“ Die CIA ist also etablierte Embargohändler angegangen und hat sie umgedreht – „wir machen es Euch leicht, Ihr kriegt was Ihr braucht zum amerikanischen Listenpreis. Dafür übernimmst Du die Lieferung und berichtest uns später, wie das angekommen ist.“ Ich bezweifle, dass das genauso abgelaufen ist, wie in den Büchern zum „Farewell-Dossier“ behauptet wird. Die einigermaßen qualifizierten Händler haben sich selbst dem Ostblock angedient, sind also nicht rekrutiert oder ausgesucht worden. Der KGB hätte es gar nicht notwendig gehabt.

Ich selbst war 1982/83 mit der Familie in Florida. Vorher hatte ich einen Anruf bekommen, dass es endlich so weit sei, dass bestimmte Geräte geliefert werden können. Im Hotel bin ich erwartet worden, von einem CIA und einem FBI-Beamten. Sie haben mir gesagt: „20 Jahre oder Du arbeitest für uns.“ Das ganze wurde mit Mikrophonen und Kameras überwacht, es gab keine Chance da rauszukommen. Also habe ich zunächst einmal, um einen Drink gebeten und dann zu verhandeln begonnen. Why not? Schauen wir uns die Sache an, wer weiß, was daraus wird? Daraufhin wurde ich von meinem zukünftigen Führungsoffizier begrüßt. Man hat mich in Boston eine ganze Woche lang verhört – mit Lügendetektor gleich zu Beginn. Als ich dann der allerersten Analytikerin, die aus Washington gekommen ist, die Vorgangsweise eines Embargohändlers erklärt habe, hat die einen Schreikrampf bekommen – das wäre alles so gar nicht möglich, etc. Die Dame wurde dann am nächsten Tag abgezogen. Da war auf amerikanischer Seite viel Unwissenheit da, wie Embargohandel abläuft.

Die US-Dienste haben den Technologietransfer manipuliert?
Ja, es war eine geniale Idee. Ich bin drauf gekommen durch die Lieferung eines Großcomputers. Der hat Feuer gefangen und ist teilweise innen abgebrannt. Nach diesem Vorfall habe ich mich zweimal einer Befragung durch den KGB unterwerfen müssen. Ich habe meinen russischen Geschäftspartner gesagt: Das kann nur sein, weil ihr ein so schlechtes Elektrizitätsnetz und verabsäumt habt, entsprechende Spannungsstabilitätsgeräte zu installieren. Am Nachhauseweg habe ich mir gedacht, das ist eine schwache Erklärung. Denn jeder Computer hat intern schon so einen Stabilisator eingebaut. Da ist in mir der Verdacht gereift, dass vom Lieferanten irgendetwas eingebaut worden ist – das nach einem halben Jahr, einem Dreivierteljahr aktiv geworden ist. Ich bin dann zu meinem amerikanischen Führungsoffizier gegangen und habe ihn zur Rede gestellt. Der hat eine Manipulation in Abrede gestellt, aber es kann sein, dass nicht einmal er davon wusste. Denn das Programm war extremer Geheimhaltung unterworfen und anfangs noch nicht einmal genehmigt. Nach diesem Vorfall war ich noch circa zwei Jahre im Embargohandel tätig. Mit der Zeit habe ich vermutet, dass meine Partnerin und Übersetzerin, vom KGB zu meiner Überwachung angeheuert worden ist. Zum ersten Mal hellhörig geworden bin ich, als sie nicht zum KGB-Verhör musste. Wobei ich das niemanden vorwerfe, im Spionagebusiness gilt: Vertraue niemandem, weder deinem Führungsoffizier und schon gar nicht deiner Ehefrau. Die meisten Spione sind geldgierig; jene, die ohne Bezahlung und aus Überzeugung verraten, sind Heilige.

Das Schlüsselerlebnis für mich war die Lieferung eines riesigen Computers, der damals mit allem Zubehör auf einen Lastenwagenzug gepasst hat. Das Gerät ist nicht in Betrieb genommen worden. Ich habe nach einem Jahr nachgefragt: Wie läuft er denn, braucht ihr Zubehör. Die Antwort war: Nein, der ist noch abgestellt, den haben wir noch gar nicht in Betrieb genommen. Offenbar hatte man die Ware unter Quarantäne gestellt – passiert etwas, passiert nix… Das habe ich rückgemeldet an meine amerikanischen Freunde und die haben gesagt: „Einmal noch höchstens geht’s Du hin, es ist gefährlich.“ Und es war tatsächlich gefährlich: 10 Jahre später habe ich erfahren, dass ich auf der Liste des CIA-Maulwurfs Aldrich Ames gestanden bin. Der hat bei der CIA-Abwehr gegen die Sowjetunion gearbeitet und hat laufend amerikanische Agenten, Russen oder anderer Nationalität, an den KGB verraten. Diese sind exekutiert – direkt ins Gesicht geschossen, um sie unkenntlich zu machen – und dann verscharrt worden. So jedenfalls ging das Gerücht. Ich bin ebenfalls auf Ames Liste gestanden. Da war ein Fenster von einer Woche, dass ich noch raus gekommen bin. Das habe erst 12 Jahre später erfahren.

Gab es sonst noch brenzlige Situationen?
Die Lieferung des bereits erwähnten Großcomputers war weit riskanter als erwartet. Er wurde mir auf einer Jumbo-Linienmaschine Boeing 747 nach Zagreb geliefert, von meinem Frächter auf einen luftgefederten Spezial-Lastwagenzug umgeladen und - von den jugoslawischen Zollbehörden beschlagnahmt. Der Frächter bekam seinen Spezial-Lastwagenzug frei, aber meine Ware blieb beschlagnahmt, Wert 3,5 Millionen Dollar. Aus Belgrad kam der oberste Chef der Zollbehörde. Normalerweise - ohne meinen potenten Lieferanten im Hintergrund - hätte ich mich für das oft erfolgreiche Instrument der Bestechung entschieden. Nach persönlichem Kennenlernen schied dieser Weg aus.

Zwei Umstände haben mich damals gerettet: Aus einem glücklichen Instinkt heraus hatte ich sämtliche Fakturen und Frachtbriefe auf meinen eigenen Namen lautend ausstellen lassen und konnte sie nun persönlich dem Zollchef vorweisen. Zu guter Letzt hatte ich US-Exportpapiere anstatt wie in der Embargo-Branche üblich mit einer anonymen Briefkastenfirma zu operieren. Meine Packliste war überperfekt: Für jedes Kollo gab’s nicht nur eine exakte technische Beschreibung sondern auch jeweils detaillierte Fotos des Inhalts. Das hatte ich mir vom Lieferanten als Dokumentation ausgebeten schon als Sicherung gegenüber dem Käufer. Die Beschlagnahme wurde aufgehoben.

Allerdings war ein luftgefederter Speziallaster nicht mehr verfügbar, also ging das heikle Gerät auf einem normalen Laster über die holprigen Straßen nach Moskau. Welche Transportschäden dabei allenfalls verursacht worden sind, wurde nie festgestellt, denn der Computer wurde ja nie in Betrieb genommen.