Montag, 9. Dezember 2013

„Wie eine Spinne“ - das Netzwerk des Dr. Höttl, die CIA und die FPÖ-Gründung

Langversion des Artikels "Wie eine Spinne" - erschienen in profil, Nr. 49/2013, S. 42-46.

Neue Details zu einem Schurkenstück des Kalten Krieges: 1948 heuerte der US-Geheimdienst in Österreich Ex-Nazis und einen ungarischer Kriegsverbrecher an. Deren Spionageemission scheiterte kläglich. Dafür trieben sie aktiv die Gründung der Vorgängerorganisation der heutigen FPÖ voran.

Jochen Rindt, Thomas Prinzhorn, Andre Heller und der Ex-Landeshauptmannstellvertreter Peter Schachner-Blazizek haben etwas gemeinsam: Sie besuchten ein Privatgymnasium in Bad Aussee, das 1964 in den Konkurs schlitterte. Der glücklose Besitzer erhielt 1995 für seinen „Mut zum Risiko“ und „als Historiker und Verfasser zahlreicher zeitgeschichtlicher Publikationen“ von Landeshauptmann Josef Krainer das Goldene Verdienstkreuz des Landes Steiermark: Dr. Wilhelm Höttl, ehemals SS-Obersturmbannführer, „Spionage- und Abwehrchef für den Südosten“ und rechte Hand des Naziverbrechers Ernst Kaltenbrunner. Während letzterer 1946 nach Verurteilung beim Nürnberger Prozesses gehenkt wurde, machte Höttl eine erstaunliche zweite Karriere: Als honoriger „Historiker“ und Schulgründer und insgeheim als Spion verschiedener Geheimdienste. Denn der Ex-Nazi galt als Spezialist für Ungarn und den Balkanraum – ausgezeichnete Referenzen im Kalten Krieg, wo nicht umsonst die Maxime galt: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. So entließ die US-Armee Höttl im Dezember 1947 und verweigerte dessen Auslieferung an eines der österreichischen Volksgerichte, die damals gegen NS-Täter vorgingen.


Ernst Kaltenbrunner (Quelle: Wikimedia Commons)


Schon 1948/49 führte Höttl im Auftrag des US-Militärgeheimdienstes Counterintelligence Corps (CIC) ein großangelegtes Spionageunternehmen durch – gemeinsam mit den umtriebigen Ex-Nazis Karl Kowarik und Erich Kernmayer sowie einem ungarischen SS-Mann. profil-Recherchen in freigegebenen US-Akten und im Wiener Staatsarchiv zeigen: Höttl und sein Anhang nutzten die US-Ressourcen, um gleichzeitig ein eigenes „nationales Projekt“ voranzutreiben – die politische Reintegration der österreichischen Nazis und den Aufbau des Verbandes der Unabhängigen (VdU), der Vorgängerorganisation der heutigen FPÖ.

Begonnen hatte alles am 10. Juli 1948 – nachdem sich zuvor zwischen den Supermächten extreme Spannungen aufgebaut hatten: Im Februar hatten die Kommunisten in Prag die Macht übernommen, Stalin, Ende Juni begann die Berlin-Blockade. In Österreich wiederum gab es Befürchtungen, die KPÖ könnte in der sowjetisch besetzten Zone einen Putsch vorbereiten. In dieser Situation installierte Höttl für das CIC Field Office im oberösterreichischen Gmunden zwei Agenten-Netzwerke.

Zunächst einmal sollten unter dem Codenamen „Montgomery“ jenseits des „Eisernen Vorhangs“, in Ungarn, Informationen beschafft werden – betreffend militärische und kommunistische Aktivitäten sowie wirtschaftlich-industrielle Entwicklungen. Verantwortlicher Operationschef war der ehemalige SS-Hauptsturmführer Karoly Ney. Noch 1944 hatte der Budapester Anwalt Jagd auf „Juden, Defätisten und Saboteure“ gemacht. Zwei Jahre später verurteilte ihn ein US-Tribunal zum Tode – während drei Mitangeklagte gehenkt wurden, begnadigte man Ney rasch. Seine angeblichen Kontakte zu Marschall Franco und zum Vatikan sollen ihn empfohlen haben. Rund um Ney bildeten mehrere Dutzend Agenten, vor allem ungarische Kriegsveteranen und Emigranten, die „AMA“. Letztendlich sollte daraus eine „aktive Oppositionsgruppe“ werden.

Ihr Hauptquartier hatte die „AMA“ einem Gebäude des CIC in Lambach, 25 km von Gmunden entfernt. Ausbildungsmaßnahmen wurden rund um eine Hütte des Alpenvereins bei Grünau durchgeführt. Die abgelegene Gegend im Toten Gebirge eignete sich hervorragend für das Training im Partisanenkampf. Um die Aktivitäten zu finanzieren, stellte der CIC monatlich 60.000 Schilling bereit. Als „Pressechef“ bei der „AMA“ fungierte Höttls enger Vertrauter Erich Kernmayer – dieser hatte die Aufgabe, sobald die gelieferten Informationen aufzubereiten. Für diese Aufgabe empfahl Kernmayer seine Vergangenheit: „Bis 1934 war Kernmayr glühender Kommunist, von da an begeisterter Anhänger Hitlers“, heißt es in seiner Stapo-Akte. Das illegale NSDAP-Mitglied stieg nach dem Anschluss zum Gaupresseamtsleiter in Wien auf und diente danach in der Waffen SS-Division „Das Reich“.

Parallel zu „Montgomery“ lief noch ein zweites Unternehmen –„Mount Vernon“: Ziel war hier, eine „österreichische Nachrichtenorganisation“ aufzubauen, „die im Ernstfall als antibolschewistsche Untergrundbewegung funktionieren soll.“ Diese Aufgabe übernahm Karl Kowarik, der 1934 Führer der gesamten Hitlerjugend Österreichs gewesen war. 1939 der SS beigetreten, wurde Kowarik Stadtrat in Wien und Mitglied des Deutschen Reichstag. Auch er diente anschließend in der Waffen SS. Nun in amerikanischen Diensten richtete er sein Hauptquartier in einer Villa in Orth bei Gmunden ein. Das CIC stellte monatlich 40.000 Schilling zur Verfügung. Funk- und Sabotageausbildung sollen in Bayern stattgefunden haben. Alleine unter den acht „Quellen“ von „Mount Vernon“ befanden sich zwei frühere SS-Geheimdienstoffiziere und ein SS-Untersturmführer. Um seine Berichte per Bahn durch die sowjetische Zone zu schleusen, versteckte eine der „Quellen“ diese kurzerhand im Wassertank der Herrentoilette.

Höttl, Deckname „Willi“, war der „control chief“ beider Netzwerke. Zunächst hielt er sich im Hintergrund – aber alle Fäden liefen bei ihm zusammen, wie aus einem Dokument hervorgeht: „Er allein und persönlich empfängt alle Gelder und verteilt sie auf die einzelnen Gruppen und Personen.“ Während Kernmayer, Kowarik und Ney sich an die Arbeit machten, konzipierte Höttl noch für die US-Armee den Plan, nach Schweizer Vorbild eine „Alpenfestung“ zu errichten, „die über den ganzen Krieg gehalten werden soll, womöglich in Verbindung mit Oberitalien und der Schweiz“. Die Wiederwahl von US-Präsident Harry S. Trumans am 2. November 1948 machte solchen Überlegungen einen Strich durch die Rechnung: Höttls Schweizer Verbindungsmann, ein Generalstabsoberst, brach die Unterredungen kurzfristig ab: Ein Krieg sei in den nächsten Jahren nicht zu erwarten, „da weder Truman noch die Russen militärisch vorgehen würden“. Höttl dagegen hatte fix mit einem Sieg der republikanischen Hardliner gerechnet und befürchtete nun eine Beschwichtigungspolitik, die den Ausbruch des „doch unvermeidlichen Krieges“ hinauszögern würde.

Daraufhin mengte sich Höttl stärker in die Arbeit seiner beiden Netzwerke ein – das war auch notwendig geworden, denn es kriselte heftig. Vor allem Ney hatte sich in den Augen der Auftraggeber diskreditiert: Die Ausbildung in Grünau habe zum größten Teil aus Schulungen, „vornehmlich ideologischer Art“ gegen den Marxismus bestanden. Und nachdem die Agenten dort gemeinsam die Schulbank drückten, wurden sie auch untereinander bekannt – was gegen die Grundregeln des Spionagegeschäfts verstieß. Vor allem aber soll die Truppe rasch vom gegnerischen Geheimdienst unterwandert worden sein. Ney, kritisiert ein Bericht scharf, habe einen Feldwebel der ungarischen Grenztruppen angeworben: „Der Mann hat nicht nur das Hauptquartier in Lambach erkundet; es ist ihm auch der größere Teil der Agenten durch das Grünauer Lager bekannt geworden.“ Der Spion soll darüber hinaus Aufschluss über die in Ungarn platzierten Agenten erhalten haben. Diese konnten dadurch identifiziert und ausgeschaltet werden. Ney, bei dem sich „immer deutlicher ein ausgesprochener Führer- und Unfehlbarkeitskomplex“ zeigte, wurde zudem ein allzu lockerer Umgang mit den Finanzmitteln der Gruppe vorgeworfen. Und schließlich war das CIC mit der Ausbeute unzufrieden: Es sei zu wenig Material geliefert und gleichzeitig ein finanzielles Minus angehäuft worden.

Nach dem Ausscheiden Neys wurde das Lager in Grünau Mitte November 1948 aufgelöst. Die Geheimdienstaktivitäten in Ungarn wurden von Kernmayer übernommen, dem man auch Kowarik unterstellte. Der neue Chef arbeitete daran, die bisherige Erkundungstätigkeit von „Mount Vernon“, die sich auf militärische Belange und KPÖ-Aktionen beschränkt hatte, „auf die gesamte Innenpolitik und auf die Wirtschaft auszudehnen“. Kernmayer hatte weitfliegende Pläne: Ihm schwebte die Einrichtung einer „antikommunistischen Propagandastelle“ in Österreich vor, die vor allem „Zersetzungspropaganda“ unter den Kommunisten und unter den russischen Truppen betreiben sollte. Eine eigene Agentur sollte zu diesem Zweck „Material gegen den Bolschewismus“ zuliefern. Doch konnte er mit dem Vorschlag „nicht durchdringen“. Bald kam es zu internen Spannungen und das CIC bekrittelte die Qualität der Informationen.

Umso energischer widmeten sich Höttl und seine Gehilfen ihrer eigentlichen Herzensangelegenheit: Der Wiedereinbindung und Rehabilitierung österreichischer Nazis. Diese fühlten sich nämlich von der jungen Republik ungerecht behandelt: Im Zuge der „Entnazifizierung“ wurden NS-Funktionäre, Angehörige von SS und Gestapo für einige Jahre in Internierungslagern festgehalten – so auch Kernmayer und Kowarik, die in Glasenbach einsaßen. Dort sollen sie eine Geheimorganisation mit dem bedrohlichen Namen „Spinne“ gegründet haben. Diese verfolgte angeblich zwei Hauptziele: „Wiedergutmachung an den ehemaligen Nazis für erlittene Strafen“ und längerfristig ein zweiter Anschluss an ein wiedervereinigtes Deutschland.

Bitter waren die Ex-Nazis auch über ihre politische Schlechterstellung: Rund 540.000 Personen, die zwischen 1933 und 1945 Mitglied der NSDAP oder eines ihrer Verbände waren, hatten das Wahlrecht verloren. Schon 1948 verabschiedete der Nationalrat eine Amnestie für die „Minderbelasteten“, die damit wieder stimmberechtigt waren. Um dieses beträchtliche Wählerpotenzial entbrannte in der Folge ein regelrechter Wettstreit zwischen den Großparteien SPÖ und ÖVP – vor allem als im März 1949 rund um Viktor Reimann und Alois Kraus der Verband der Unabhängigen (VdU) als politische Vertretung der Ex-Nazis zusammenfand. Der Kampf gegen die angebliche Entrechtung und Schlechterstellung[1] der „Ehemaligen“ war eines Haupanliegen wie Kraus Anfang Juni 1949 bei einer VdU-Versammlung hervorstrich: „Ein Viertel oder ein Drittel der Bevölkerung ist in äußerste Not gestoßen und zu verlässlichen Feinden des Staatswesens gemacht worden. In keinem Staat der Welt hat eine so grausame Verfolgung der Mitläufer des NS-Regimes stattgefunden, wie in Österreich.“

Höttl und seine Netzwerke hatten eine wichtige Rolle im Hintergrund gespielt. In einem Bericht der Organisation Gehlen, Vorläufer des heutigen Bundesnachrichtendiensts, vom Dezember 1948 wird vermerkt: „Als sein politisches Ziel bezeichnet Höttl die Herstellung eines tragbaren Verhältnisses zwischen der Regierung und der nationalen Opposition sowie zwischen Österreich und dem ‚deutschen Raum’. Man müsse die ehemaligen Nationalsozialisten, sofern sie aufbauwillig sind, aus der sozialen Misere herausführen und sie wieder an den österreichischen Staat heranlassen.“ Schon im Oktober 1948 wurde gemeldet, dass Kernmayer „in ständiger Beziehung zu dem Leiter des Salzburger Instituts für Wirtschaftsforschung, Dr. Kraus steht und in dessen ‚Berichte und Informationen‘ auch Material veröffentlicht, dass er entweder direkt von den Emigranten gesammelt hat oder nur durch Verbindungen zu den amerikanischen Nachrichtendienst-Stellen (CIC Salzburg und Gmunden) bekommen haben kann.“

Am 9. Jänner 1949 traf sich Höttl mit Kraus in Gmunden. Man einigte sich darauf, die VdU-Parteigründung durch den „Österreich-Apparat (Kowarik-Kernmayer)“ zu unterstützen – so etwa durch „Flüsterpropaganda“. Oder indem der VdU-Parteizeitung „Neue Front“ Belastungsmaterial gegen ÖVP-Funktionäre in Oberösterreich zugespielt wurde. Kraus erhielt jedenfalls das Versprechen, dass Höttls Spionagetruppe dem VdU „zur Verfügung stehen würde“ – was dann passierte, malt ein Dokument von 1953 bildhaft aus: „Die Organisation Dr. Höttl streckte dann wie eine Spinne ihre Fühler über ganz Österreich aus, um alle ehemaligen führenden Nazis für den VdU zu erfassen.“ Es sei „sogleich“ Verbindung zu früheren Angehörigen des SS-Sicherheitsdiensts und SS-Funktionären aufgenommen worden, „um von ihnen Nachrichtenmaterial zu erhalten“. Ein Vertrauter Kernmayers, der frühere Gauinspektor in Oberdonau Stefan Schachermeyer klapperte Industrielle ab, „die er im Auftrag des VdU zu Geldspenden veranlasste“.

Der so vorangetriebene Aufbau der VdU löste vor allem bei ÖVP Sorgen vor einer Spaltung des bürgerlichen Lager aus: Am 28. Mai 1949 setzte sich deshalb in Oberweis eine ÖVP-Delegation unter Führung des späteren Bundeskanzlers Julius Raab mit elf „Ehemaligen“ – darunter Höttl, ein früherer Adjutant Kaltenbrunners und der spätere Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz – zusammen. Man diskutierte unter anderem die Abschlaffung des Verbotsgesetzes, die Wiedereinführung des passiven Wahlrechts für Ex-Nazis und die Aufstellung eines „nationalen“ Bundespräsidentschaftskandidaten. Eine Einigung kam nicht zustande. Während die Oberweiser Konferenz große Wellen schlug, traf sich Kernmayer diskret auch mit SPÖ-Vertretern. Bei den anschließenden Nationalratswahlen am 9. Oktober 1949 gewann der VdU aus dem Stand 11,7 Prozent der Stimmen. Allerdings führten Verluste bei darauffolgenden Wahlen und interne Machtkämpfe dazu, dass die Partei in der 1955 gegründeten FPÖ aufging.

Höttls Spionagekomplex, der die Bildung dieses „dritten Lagers“ mit ermöglicht hatte, bestand zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Die Amerikaner hatten schon am 1. September 1949 die Reißleine gezogen. Beim CIC war es zu einer „allgemeinen Neuorientierung“ gekommen. Neun Beamte, die mit Höttl eng zusammengearbeitet hatten, wurden abgelöst. Das traf neben dem Leiter des Field Office Gmunden, Douglas Morrison, auch dessen Vorgesetzten in Linz, Thomas Lucid. Letzterer fiel wegen „düsterer Geldgeschichten“ überhaupt in Ungnade und musste den Dienst quittieren. Höttl soll von den „neuen Männern“ des CIC-Linz „nicht einmal empfangen“ worden sein.

CIC-Operationschef in Salzburg, Major James Milano meldete an seine Vorgesetzten, warum man „Mount Vernon“ und „Montgomery“ fallen gelassen hatte: Höttl sei zunehmend eine Belastung geworden. Der Agent, so Milano, sei „gefürchtet“ – einer Verurteilung als Kriegsverbrecher sei Höttl nur deshalb entkommen sei, weil er sich in Nürnberg als Zeuge für die Anklage zur Verfügung stellte. Das Treffen von Oberweis, von dem Höttl seine US-Partner vorab nicht informierte, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Entgegen anderslautender Warnungen hatte er die Spionagearbeit mit der lokalen Politik vermischt und die eigentliche Aufgabe vernachlässigt. So seien die gelieferten Berichte seit einem halben Jahr „extrem schlecht“ gewesen und die monatliche Kosten von 2.600 Dollar nicht wert. Höttl akzeptierte das zähneknirschend. In einem persönlichen Schreiben versicherte er Milano, dass seine Einstellung zur USA nicht geändert habe und er die Anstrengungen zur Mobilisierung gegen den „bolschewistischen Weltfeind“ fortsetze.

Daraus wurde aber nichts – die erst kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründete CIA hatte ab 1949 die Arbeit des CIC übernommen und wusste mit Höttl nichts mehr anzufangen. Laut dem US-Autor John Richardson, dessen Vater bei der CIA in Wien stationiert war, wurde Höttl 1953 bewusst „verbrannt“. Man spielte Medien Informationen zu, wonach Höttl mit einem sowjetischen Spionagering in Verbindung stand. Gerüchte, wonach dieser tatsächlich mit dem KGB im Bund gewesen sei, rissen in der Folge nicht ab. 1963 identifizierte ihn ein hochrangiger Überläufer als solchen. Wie sooft vermischten sich bei Höttl Wahrheit und Legende, bis diese am Ende nicht zu unterscheiden waren.

Zu dieser Verklärung trug er selbst am meisten bei – nachdem die Spionagekarriere so unrühmlich zu Ende war, hatte sich Höttl an die Vermarktung seiner Lebensgeschichte gemacht: Er schrieb mehrere eigennützige Bücher über seine Agententätigkeit im Dritten Reich und stand bis zu seinem Lebensende als „Zeitzeuge“ zur Verfügung.

Seine NS-Vergangenheit holte Höttl immer wieder ein: Aus seiner staatspolizeilichen Akte geht hervor, dass 1961 Ungarn um die Auslieferung Höttls ansuchte. Hauptvorwurf: Er habe den Putsch der faschistischen „Pfeilkreuzler“ 1944 mit vorbereitet „und sei für die Verschleppung und den Tod von zehntausenden ungarischen Staatsbürgern sowie für die Ausraubung Ungarns verantwortlich“. Aufgrund rechtlicher Bestimmung sah sich die Bundesregierung „keinesfalls“ in der Lage, Höttl auszuliefern. Allerdings räumte man Ungarn ein, Informationen für ein entsprechendes Verfahren in Österreich zu übermitteln. Dazu kam es aber nicht. Der als „belastet“ eingestufte Höttl war schon 1951 vom Bundespräsidenten begnadigt worden. Er habe „die Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Bewegung niemals missbraucht“ und sei zur Republik Österreich „positiv eingestellt“, hatte sich Höttl damals gerechtfertigt.

1952 wurde die eingangs erwähnte Schule gegründet. Diese hatte nie einen guten Ruf: Es hieß, Höttl habe braune Kameraden als Lehrer versorgt. Er selbst räumte ein, dass viele der Schüler, die bei ihm die Matura schafften, anderswo chancenlos gewesen wären. 1963 wurde ihm deshalb die Berechtigung, die Reifeprüfung abzunehmen, entzogen. Für Andre Heller war es schlicht ein „Nazi-Reservat“, in das man ihn gesteckt hatte. Als er in den 1950er Jahren zum ersten Mal das Klassenzimmer in Bad Aussee betrat, sagte Höttl zu den Mitschülern: „Das ist der Heller, setzt euch nicht neben ihn, der hat böses Blut.“

Höttl, aufgrund undurchsichtiger Immobiliengeschäfte schon Mitte der 1960er Jahre bankrott, verbrachte dennoch einen beschaulichen Lebensabend. 1997 veröffentlichte er sein letztes Buch „Einsatz für das Reich“ und verstarb schließlich zwei Jahre später im Alter von 84 Jahren.

Höttls Helfer und was aus ihnen wurde
1950 stellte Kernmayer eine „Gnadenbitte“ an den Bundespräsidenten: „Schon früher“ habe er bewiesen, dass er „die Gewaltmethoden des NS-Regimes ablehne und positiv zur unabhängigen Republik Österreich eingestellt“ sei. Aus der Begnadigung wurde jedoch nichts: Da Kernmayer „jede Glaubwürdigkeit fehlt“, wie das Justizministerium bescheinigte. In der Folge verlegte Kernmayr seine publizistischen und politischen Anstrengungen zunehmend nach Deutschland: Er gab mehrere Zeitungen der äußersten Rechten heraus, darunter ab 1955 das Verbandsblatt der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS“ (HIAG). Auch bei mehreren rechtsextremen Parteien war Kernmayer aktiv. Einige seiner literarischen Werke, die er unter dem Pseudonym Erich Kern herausgab, bilden bis heute einen Bezugspunkt für Rechtsextremisten. Er verstarb 1991 in Kammer am Attersee.

Erich Kowarik blieb zeitlebens eine Zentralfigur der österreichischen Rechten: Als Mitbegründer des VdU und von 1957 bis 1960 als Generalsekretär der FPÖ. 1975 wollte er eine „Österreichisch-Rhodesische-Gesellschaft“ gründen, was Innenminister Otto Rösch untersagte. Zusätzlich engagierte sich Kowarik als Mitglied der „World Anti-Communist League“ (WACL), ehe er 1987 verstarb. Sein Sohn Helmut saß als Abgeordneter der FPÖ lange Zeit im Wiener Gemeinderat – Dietbert Kowarik führt diese Tradition seit 2006 fort.

Karoly Ney: Nachdem er 1948 beim CIC in Ungnade gefallen war, setzte sich Ney nach Deutschland ab. Dort betrieb er unter einem Decknamen eine Firma, die Kunstharze für die Baustoffindustrie entwickelte. Ney sollte 1972 wieder nach Österreich zurückkehren und siedelte sich in Wolfsthal, in unmittelbarer Näher zur Abhörstation Königswarte des Bundesheeres, an – er starb 1989, nur einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer.




[1] Das Nationalsozialistengesetz von 1947 stufte die „Sühnefolgen“ ab: Beschränkung der bürgerlichen Rechte, Ausschluss von bestimmten Berufen, Sühneabgaben in unterschiedlicher Höhe, Kürzungen der Bezüge, Einweisung in Anhaltelager.

Exkurs: „Die Kronen Zeitung will die sozialdemokratische Regierung stürzen“

Das umfangreiche Tagebuch von Handels- und Industrieminister Josef Staribacher (einsehbar in der Stiftung Bruno Kreisky Archiv) ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen der Kreisky-Regierung:

Eintrag vom 12. April 1983 (Rechtschreibfehler korrigiert):

„Die Kronen Zeitung ist jetzt sehr feindlich eingestellt. In der Vergangenheit war sie zwar nicht SPÖ-freundlich, aber in Wahlzeiten hat sie sich neutral verhalten. Jetzt hat der Herausgeber Dichand und der Geschäftsführende Chefredakteur Dragon beschlossen, die Grünen zu fördern. Die Kronen Zeitung will die sozialdemokratische Regierung stürzen. Dichand ist heute der reichste Mann Österreichs. […] Er [Kreisky] weiß heute schon, dass die Kronen Zeitung aus der TV-Diskussion zwischen Kreisky und Mock einen Sieg Mocks melden wird. Kreisky sei nicht mehr kampffähig usw. Kreisky hat daher von der Kronen Zeitung verlangt, dass zwei Leute darüber berichten sollen, der eine wird [Name] sein, der die Hälfte seiner Arbeitszeit am Tennisplatz verbringt. Kreisky ist auf ihn bitter böse, obwohl er früher [Name] immer Informationen gegeben hat und bezeichnet ihn als Schurke, weil er eben in der letzten Zeit Kreisky besonders hart kritisiert. [Name] sei der einzig Anständige, wenn man von [Name] noch absieht. Diesen werden aber nur positive Sätze aus ihren Berichten rausgestrichen. Ich habe mit Dichand und Dragon, die ich beide ja nur flüchtig kenne, jahrzehntelang keinen Kontakt. Ich kenne daher ihre letzte Einstellung nicht. Eines weiß ich nur, dass Dichand und auch Dragon die Grünen unterstützen, weil sie sich dadurch auf alle Fälle weitere Leser erwarten. Dass so ein Massenblatt mit 2 1/5 Mio. Leser entsprechende Politik machen kann, ist mir auch klar. Die besondere Grünpropaganda der Kronen Zeitung aber war für mich nur ein weiterer Beweis, dass diese Leute auch mit Genehmigung des Herausgebers eben sei es bei Zwentendorf oder bei anderen Maßnahmen schon klar zu erkennen gegeben haben, wo sie stehen.“

Sonntag, 8. Dezember 2013

„Ergiebigste Nachrichtenquelle würde vollends versiegen" - Konflikt um Bundesheergeheimdienst

Zufallsfund bei Recherche in der Stiftung Bruno Kreisky Archiv (StBKA, VI.4 Landesverteidigung, Waffenproduktion, Exporte, Box 18): Eine „streng vertrauliche“ Information der SPÖ-Fraktion an Bundeskanzler Bruno Kreisky zu „Veränderungen“ im Heeresnachrichtenamt. Diese gibt Auskunft über die parteipolitischen Auseinandersetzungen rund um die Besetzung von Spitzenposten im Bereich der Geheimdienste Mitte der 1970er Jahre.

„1. Die frühere Gruppe Nachrichtenwesen bzw. das derzeitige Heeresnachrichtenamt[1] war bis zu Diensteinteilung des Obstlnt Dipl. Vw. Walter Matal[2] nahezu reinrassig mit ÖVP-nahestehenden Personen besetzt.

2. Die Bedeutung des Heeresnachrichtenamtes liegt einerseits in der offenen Nachrichtenbeschaffung und Auswertung, andererseits in den Aufklärungsergebnissen des Fernmelde- Aufklärungsbataillons, welches immer wieder von der kommunistischen Presse angegriffen wird und in welches seitens der Kommunisten versucht wird, Personal im Wege von Wehrpflichten einzuschleusen. Die geheime Nachrichtenbeschaffung ist nicht zuletzt aus finanziellen Gründen eher von untergeordneter Bedeutung.

3. Das Heeresnachrichtenamt gliedert sich derzeit in 3 Abteilungen: Informationsabteilung […] Abwehrabteilung […] und Auswerteabteilung […]. Daneben gab es zahlreiche direkte Aufträge des Amtsleiters im Bereich der Informationsabteilung, von welchen der Leiter [der] Informationsabteilung nicht Kenntnis erlangen sollte und erlangte.

4. Das Heeresnachrichtenamt ist trotz aller Schwächen insbesondere durch die Mittel der Fernmeldeaufklärung in der Lage oft wesentliche Beiträge zur Erstattung eines Lagebildes zu geben, wobei es in Zusammenarbeit mit der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit und dem Generalsekretär für Auswärtige Angelegenheiten periodische Lagedarstellungen liefert.

5. Das Gerät der Fernmeldeaufklärung ist sehr kostenintensiv und weitgehend veraltet. Im vergangenen Jahr wurde eine Erneuerung und Verbesserung (Automatisierung) der Fernmeldeaufklärung durch eine erhebliche Beschaffung (Generalunternehmer Fa. Kapsch) in die Wege geleitet.

6. BMfLV [Bundesministerium für Landesverteidigung] verfolgt den Plan, für den Bereich der Fernmeldeaufklärung eine eigene Abteilung zu errichten und diese mit dem ObstdG […] (ÖVP-nahestehend) zu besetzen. Damit würde der ohnedies relativ geringe Einblick des Obstlnt Matal in die Ergebnisse der Fernmeldeaufklärung und damit in die ergiebigste Nachrichtenquelle vollends versiegen. […]

7. Aus fraktioneller Sicht kann dieser Maßnahme nicht zugestimmt werden, weil die mühsam erkämpfte Besetzung eines Abteilungsleiters mut einem Genossen dadurch jetzt und in Zukunft zur Wertlosigkeit absinken würde. Abgesehen von diesen politischen Überlegungen ergibt sich auch noch die Problematik einer entsprechenden Dienstpostenvermehrung, welche sicherlich zum Teil in der eingeleiteten Beschaffung begründet ist, zum anderen Teil aber die Abschirmung des Genossen Matal zur Folge hätte.“




[1] Das Heeresnachrichtenamt, heute der Auslandsgeheimdienst des Bundesheeres, umfasste bis 1985 auch das Abwehramt, das für den „Eigenschutz“ zuständig ist.
[2] Werner Matal amtierte bis 1981 als Chef der Informationsabteilung.

Donnerstag, 5. Dezember 2013

„Ich sagte zu Carlos: Töten Sie nicht mehr!“

Ein Zeitzeugengespräch zur OPEC-Geiselnahme

Am 21. Dezember 1975 überfiel ein Kommando, das sich „Arm der Arabischen Revolution“ nannte, unter Führung von Ilich Ramirez Sanchez (genannt „Carlos“) das Hauptquartier der Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) in Wien. Unter den Geiseln der Terroristen befanden sich 11 Erdölminister.

Bundeskanzler Bruno Kreisky führte Verhandlungen mit den Geiselnehmern mit der obersten Maxime Menschenleben zu retten. Am folgenden Tag ließen die Terroristen die in Österreich wohnhaften Geiseln frei. Den Geiselnehmern wurde im Gegenzug ein Flugzeug zur Verfügung gestellt, mit dem sie zusammen mit den 33 verbliebenen Geiseln nach Algerien und Libyen ausreisen konnten.

Ein Zeitzeuge, der bislang noch nie öffentlich über seine Erlebnisse gesprochen hat, ist Jose B. Lopéz – damals ein Mitarbeiter Ecuadors bei den Vereinten Nationen in Wien. Durch Zufall sollte Herr Lopéz eine wichtige Rolle bei der Lösung der Geiselkrise spielen. Er blieb auch später in Österreich.

Das ist seine Geschichte:

“In 1975, I was one of six Ecuadorians in Vienna. One of them was Eduardo Cabezas, the chargé d'affaires. He was my friend. I was here for the United Nations and I worked next to the Rathaus – before the Vienna International Center was built. On this day, I had lunch with my colleagues in an apartment in Grinzing and I got a call from Cabezas wife: ‘Good morning, have you heard the news? They have taken the OPEC-ministers hostage and Eduardo is there. The Ministry of the Interior has called and they need somebody from the embassy to take part in discussing the problem. Since Eduardo is a hostage and there are not many Ecuadorians, you have to go to the Ministry of the Interior, where all the OPEC-ministers are meeting.’ When I arrived there, I just said: ‘Ecuador’. So they let me in. I knew one or two persons from the Venezuelan OPEC-delegation, but no one from the Arabic side. As we were sitting there, we were informed that the terrorist demanded to be flown out of the country. A messenger came and I wrote a message to my friend: ‘Eduadro, don’t worry, we will try to do something.’ And he sent me back a not: ‘You will do it. I am at peace. This will end up good.’ I also wrote a message for the terrorist leader: ‘Don’t kill anymore.’ Then they opened a telephone connection and I said: ‘Hand me the phone.’ I said: ‘We have to arrange a deal.’ Carlos said ‘OK’ and we spoke together in Spanish. It was helpful to speak directly to him.

After Kreisky arrived in Vienna he came to see us. He was addressing us with ‘Excellency’. I was not arguing with him at that moment that I was not a diplomat. I was about to laugh, but kept my cool. It was already one o’clock in the morning and Kreisky asked: ‘What are we going to do?’ And I asked him: ‘What are they demanding?’ His answer was: ‘They want to be flown out and every OPEC-member has to agree to that. This is the question. What’s your answer?’ Nobody said anything until I spoke up: ‘The government should meet the demands of the terrorists to save human lives’. And Kreisky asked the group: Are you in agreement with the ambassador of Ecuador? Nobody said anything against it. Then I signed an agreement in the name of Ecuador. Afterwards, I called Carlos from the offices of the Ministry of Interior: ‘Everything will be arranged. You will be taken to the airport tomorrow to leave wherever you want to go.’

A few days afterwards, I took my children to the airport. And as I stand there, by chance, Kreisky comes up to me: ‘Mr. Ambassador, thank you. You saved it.’ Unexpectedly, I did a good job. I did not tell my story for a long time – even my children did not know.”


Montag, 2. Dezember 2013

Exkulsiv: Gespräch mit einem Zeitzeugen 40 Jahre nach der Geiselnahme von Marchegg

Am Vormittag des 28.September 1973 nahmen zwei Araber fünf osteuropäische Juden bei der Einreise am Grenzbahnhof Marchegg als Geiseln. Als erster erfuhr der Dolmetscher Hardy Eisenstädter die genauen Forderungen der Terroristen. Danach unterstützte er die Verhandlungen zur Lösung der Geiselkrise. Trotzdem wurde seine Rolle nie öffentlich bekannt. Heute, mehr als 40 Jahre nach den Ereignissen, spricht Eisenstädter zum ersten Mal darüber.

Hardy Eisenstädter, heute Brigadier im Ruhestand, war als Sohn einer Österreicherin in Ägypten geboren worden. Mit 16 Jahren kam er nach Österreich und machte an der Militärakademie die Ausbildung zum Offizier. Danach war er an der Landesverteidigungsakademie in der Grundlagenforschung für den Nahen Osten zuständig. „Als gerichtlich beeideter Dolmetscher habe ich immer wieder Bundeskanzler Kreisky sowie andere Mitglieder der Bundesregierung begleitet. Sie alle waren immer sehr dankbar, wenn ich dabei gewesen bin. Als Offizier, Sprachkundiger und jemand, der die Mentalität im arabischen Raum kennt, war es mir möglich, schnell eine Vertrauensbasis zum Gegenüber herzustellen.“

In den Vormittagsstunden des 28.September 1973 wurde der damalige Hauptmann Eisenstädter von der Polizei abgeholt und zum Flughafen Schwechat gebracht, wohin sich die Araber mit ihren Geiseln in einem VW-Kombi hatten fahren lassen: „Dort befand sich schon Innenminister Rösch und weitere hohe Beamte des Innenministeriums sowie des Sicherheitsdiensts. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, was die Geiselnehmer begehren. Minister Rösch gab mir den Auftrag, auf das Flugfeld hinauszufahren und herauszufinden, was die Geiselnehmer fordern. Aus dem Beifahrerfenster des VWs ragte der Lauf einer Maschinenpistole. Weil ich in Zivil war, vermuteten die Terroristen zunächst, dass es sich bei meiner Person um einen Angehörigen des israelischen Geheimdienst Mossad handle. Ich habe ihnen dann mitgeteilt, dass ich zum Bundesheer gehöre und ihnen meinen Militärausweis gezeigt. Und wie die Terroristen dann mein Bild in Uniform gesehen haben, waren sie bereit, mit mir zu reden. Ich habe gefragt, was sie wollen – die Antwort war, dass Schönau geschlossen wird und eine diesbezügliche Vereinbarung mit der österreichischen Regierung. Weiters sollten arabische Botschafter in Wien das Ganze bestätigen.“

Die Terroristen, Mitglieder der pro-syrischen Gruppe ‚Adler der palästinensischen Revolution‘ forderten darüber hinaus die unbehelligte Ausreise mit den Geiseln in ein arabisches Land, um sie gegen palästinensische Gefangene auszutauschen.

Als Eisenstädter Minister Rösch darüber informierte, waren die anwesenden Beamten dagegen, weil man angeblich keinen Botschafter erreichen würde: „Es war Wochenende und da sei niemand da. Aber ohne die Botschafter hätten wir das Problem sicher nicht gelöst, weil die Terroristen sehr misstrauisch waren und daher einen Botschafter wollten, der ihnen garantiert, dass 1.) die Versprechen der österreichischen Regierung eingehalten werden. Und 2.), dass sie wirklich wegfliegen dürfen.“

Das Krisenmanagement erlebte der Zeitzeuge überhaupt als chaotisch: „Die Vertreter der zuständigen Ministerien waren weder über die weitere Vorgangsweise, noch über ihre Kompetenzen einig. Ich meinte, dass meines Wissens, das Außenministerium über entsprechende Listen zur Erreichbarkeit der Botschafter außerhalb der Dienstzeiten verfügte. Minister Rösch nahm daraufhin mit Bundeskanzler Kreisky Kontakt auf und erstattete einen Situationsbericht. Dieser ordnete an, dass alle arabischen Botschafter, die erreichbar wären von der Polizei abzuholen und zum Flughafen zu bringen wären.“

Die beiden Terroristen erlebte Eisenstädter zuerst „sehr aufgeregt und aggressiv“: „Im Laufe der Gespräche hat sich das beruhigt und die Lösungsfindung stand im Vordergrund. Am Ende war eine amikale, problemlose Gesprächsbasis gegeben. Ich war der einzige vor Ort, der mit ihnen Arabisch sprechen konnte. Wenn es notwendig war, habe ich gedolmetscht.“

Die Verhandlungen in Anwesenheit der Botschafter dauerten etwa dreizehn Stunden und man gelangte zu einem Kompromiss. Das Transitlager Schönau wurde geschlossen, die Geiselnehmer erhielten freies Geleit und ließen dafür ihre Geiseln zurück. „Federführend beteiligt am Verhandlungserfolg war neben dem libanesischen Botschafter der libysche Botschafter Mahmud Al-Ghadsmi, denn er hatte die Ausreise der Terroristen nach Libyen arrangiert“, so Eisenstädter.

Trotz seiner wichtigen Rolle im Verlauf der Geiselkrise wurde Eisenstädter weder im offiziellen Bericht der Bundesregierung erwähnt, noch erhielt er eine Auszeichnung, so wie alle anderen Beteiligten: „Die Beamten haben meine Rolle als Einmischung betrachtet. Sie wollten das alles über ihre Schiene läuft, egal ob das jemand bringt oder nicht.“
1974: H. Eisenstädter (Mitte) mit Bundeskanzler Bruno Kreisky (links) und syrischem Staatsgast (rechts)
Diese negative Haltung bekam Eisenstädter auch später noch zu spüren: Vor allem Bundeskanzler Kreisky hatte ihn immer wieder – zur Verärgerung der offiziellen diplomatischen Kanäle – für Vermittlungsmissionen im Nahen Osten eingesetzt. So etwa, als es um Spannungen zwischen den österreichischen UN-Truppen am Golan und der dortigen Bevölkerung ging. Zuletzt hatte Eisenstädter im Jahr 2000 schon einen Kontakt zu Hisbollah-Generalsekretär Nasrallah hergestellt, um die Freilassung von vier Israelis zu erreichen: „Allerdings wurde in der Folge der Auftrag vom Außenministerium ‚storniert‘, woraufhin Deutschland die Mission übernahm. Dem Ansehen Österreichs war das jedenfalls nicht förderlich.“

Mittwoch, 18. September 2013

Interview mit Dr. Klaus Albrecht Schröder, 12. 9. 2013

Bei der Bombenexplosion in der Saline in Ebenee am 23. September 1963 wurde der damals 36jährige Rittmeister Albrecht Schröder schwer verletzt - ein Gespräch mit seinem Sohn, dem heutigen Direktor der Albertina. 

Quelle: www.arbeiterzeitung.at
Wie hat das Attentat das Leben Ihrer Familie verändert?


Ich habe meinen Vater ein halbes Jahr lang nicht gesehen und nicht mitbekommen, was da geschehen ist. Meine Mutter hat das von uns völlig ferngehalten, uns beschützt vor diesem sehr dramatischen Einschnitt. Wir haben nur gehört, mein Vater ist schwer verletzt. Meine Mutter war dann viele Monate nicht da, sie war Tag und Nacht beim meinem Vater. Er lag eingewickelt im Spital. Man wusste nicht, kommt er durch oder nicht und wenn ja, in welcher Gestalt – blind, taub oder schwerst versehrt. Das hat sie von uns völlig ferngehalten. Obwohl das alles in den Medien war, durften wir keine Zeitung lesen, kein Fernsehen sehen. Wir waren sehr mit uns beschäftigt und konfrontiert mit den ärgsten Gerüchten – ich bin zum Beispiel in die Klasse gekommen und meine Mitschüler haben gesagt: ‚Ich habe gehört, Dein Vater ist aufgeschlitzt worden’ – alles absurde Gerüchte. Als wir meinen Vater zum ersten Mal im Spital besucht haben, hat man dann schon gemerkt hat, dass er auf einem Auge wieder sehen wird. Wie es dann weitergehen würde, war aber auch zu diesem Zeitpunkt noch offen.

Erst sehr viel später bin ich mit dem Ereignis immer wieder direkt konfrontiert worden. So etwa als ich den ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ nachgelesen und darin eine Widmung gefunden habe. Mein Vater hat nämlich ab 1964 am Tag des überlebten Attentats einen zweiten Geburtstag gefeiert. Und da hat ihm meine Mutter dieses Buch geschenkt. Später bin ich noch einmal intensiv damit konfrontiert worden, als ich gleich nach der Mittelschule im Landesinvalidenamt gearbeitet habe – das war 1975 und da wurde gerade das neue Gesetz zur Wiedergutmachung von Verbrechensopfern verabschiedet. Zufälligerweise habe ich als ersten Akt den der Witwe von Gruber [Inspektor Kurt Gruber wurde bei der Bombenexplosion getötet] bekommen, von dem letztendlich nur der Handabdruck auf der Wange meines Vater geblieben ist.


Was ist am 23. September 1963 genau passiert?
An den Tag, an dem das passiert ist, kann ich mich erinnern, als ob es gestern gewesen wäre – weil er natürlich ganz einschneidend war. Die politische Dimension, wie es eigentlich dazu gekommen ist, hat sich mir erst viel später erschlossen. Meine Mutter, die sehr resolut war, wenn wir uns irgendwie weh getan haben, wollte – als der Anruf gekommen ist, dass eine Bombe explodiert ist und mein Vater gleich abgeholt wird – nicht, dass er hinfährt. Als Chef der Kriminalabteilung blieb ihm aber keine Wahl, auch weil sich Innenminister Franz Olah angesagt hatte. Deswegen trug er an diesem warmen Spätherbsttag auch einen dicken grauen Anzug, aus dem ich später eine Skihose geschnitten bekommen habe. Und deswegen sind hunderte Splitter direkt vor dem Herzen stecken geblieben – das war das Glück dieses dicken Anzugs. Gruber dagegen trug nur wegen des heißen Tags nur ein Hemd und hatte keine Chance, als die Bombe detonierte.

Das zweite Glück im Unglück, das mein Vater hatte, war, dass er in diesem Augenblick gerade den Sonnenstand beobachtete und die Splitter daher von unten kamen. Interessanterweise ist das Auge auf der geschwärzten Gesichtshälfte – wo auch der Handabdruck des Gruber zu sehen war – wieder sehend geworden. In das andere ist ein Splitter eingedrungen. Glück hatte mein Vater auch, weil er nicht ohnmächtig wurde – sonst wäre er nach der Explosion in der ausgetretenen Sole ertrunken. Stattdessen konnte er auf allen vieren aus dem Auffangbecken herausklettern. Dann war noch etwas Unglück dabei – bei einem dritten Beamten, der nicht so schwer verletzt wurde, war die Verletzung der Augen gleich zu sehen – und so wurde er gleich in die Augenklinik gebracht, während man meinen Vater nach Linz gefahren hat. Da hat Olah beste medizinische Versorgung veranlasst – durch einen Augenspezialisten, der auch das Augenlicht auf einer Seite gerettet hat. Der Arzt hat dann später erzählt: Man hat ihn angerufen, dass er sofort kommen muss und die Polizei fuhr ihn mit 200 Sachen nach Linz, weshalb ihm noch im OP die Beine zitterten. Der konnte gar nicht operieren, so durcheinander war er momentan. Insgesamt musste mein Vater 42 Operationen über sich ergehen lassen.

Woran ich mich heute noch sehr genau erinnere – nachdem mein Vater an diesem Morgen gegangen war, habe ich mit meiner Mutter aufgeräumt. Da hat sie ein schwarz gerahmtes Bild meines Vaters gefunden. Da sagte sie: „Das müssen wir umrahmen – da sieht der Vater ja aus, als ob er tot ist.“

Sind Sie mit der juristischen Aufarbeitung des Falls zufrieden?
Ich hab mir dazu die Meinung meines Vaters angeeignet: Einige Jahre nach dem Anschlag, als einige der Attentäter zu kurzen Strafen verurteilt wurden, habe ich meinen Vater gefragt, ob er das nicht für eine schreiende Ungerechtigkeit hält. Er hat gesagt: Ich war da nicht gemeint, das waren politische Terrorakte, hier ist Staatspolitik betrieben worden. Er hat das nie irgendjemanden, glaube ich, krumm genommen. Das waren politische Kämpfe, in deren Mündungsfeuer einmal ganz kurz auch die Familie Schröder oder mein Vater geraten ist.

Mein Vater war 15 Jahre lang Chef der Kriminalabteilung, er hat in dieser Zeit nur einen Fall nicht klären können. Er war zuständig für die Sicherheit des Kennedy-Schärf-Treffens (1961) und sehr populär. Zwei Jahre nach dem Attentat ist er in Frührente gegangen, hat dann Rechtswissenschaften studiert und wurde Anwalt. Er ist 2003 an einem Herzinfarkt verstorben, nicht in Folge des Attentats.


Montag, 16. September 2013

„Hände weg von den Carabinieri!“

Langfassung des Artikels aus "profil", Nr. 38/2013

Vor 50 Jahren wurde Österreich von Terroranschlägen erschüttert. Italienische Neofaschisten übten blutige Vergeltung für Südtirolattentate. Eine Recherche in ein vergessenes Kapitel Zeitgeschichte.

Johann Gaig hatte zuerst gedacht, es handle sich um einen „Lausbubenstreich“. Der Wagenführer der Feuerkogelseilbahn in Ebensee war um 07.05 Uhr in die Talstation eingefahren. Als die Gondel zum Stillstand kam, fiel plötzlich ein „Gegenstand“ vom Dach auf den Betonboden: Ein Wecker mit zersprungenem Glas, verbunden mit einer Sprengladung. Gaig ließ seine Passagiere – fünf Schulkinder und einen Erwachsenen rasch aussteigen und schnitt später auf Anordnung eines Gendarmen die Leitung zwischen Wecker und Batterie durch. Der Bombenfund am 23. September 1963 hatte noch einmal Schlimmeres verhütet – denn wäre der Sprengkörper wie beabsichtigt, um etwa 14 Uhr, explodiert, „wäre eine Katastrophe unvermeidlich gewesen“, hieß es damals in der „AZ“. Die Wucht der Explosion hätte Trag- und Zugseil zerrissen und die Gondel in die Tiefe stürzen lassen. Glück im Unglück. Denn Terrorserie, die Österreich an diesem Herbsttag erschütterte, war nicht vorüber.

Quelle: www.arbeiter-zeitung.at
 Schon um 06.10 Uhr früh hatte es zum ersten Mal „geknallt“: Das Löwendenkmal, in einer unübersichtlichen Kurve der Uferstraße zwischen Ebensee und Traunkirchen gelegen, flog in die Luft. Große Brocken des ohnehin morschen Sandsteins wurden bis zu 30 Meter weit auf die Fahrbahn geschleudert – „nur infolge eines glücklichen Zufalls“, so ein Untersuchungsbericht, kam dabei niemand zu Schaden. Dann – um 10.20 Uhr – folgte der dritte und letzte Akt des Dramas: In der Saline Ebensee hatten Arbeiter an den Solebehältern V und VIII zwei Hohlhaftladungen entdeckt, die mit einem tickenden Wecker verbunden waren. Einer der bald eingetroffenen Gendarmen, der Spurensicherer Kurt Gruber, nahm die abgeschnittene Zündschnur eines Sprengsatzes in die Hand und sagte noch: „Das stimmt was net!“ Da schoss plötzlich eine Stichflamme hoch, gefolgt von einer kilometerweit hörbaren Detonation. Der 42jährige Gruber war auf der Stelle tot, seine Kollegen Johann Winkler und Albrecht Schröder, Vater des jetzigen Albertina-Direktors, erlitten schwere Verletzungen. Neun weitere Personen wurden leicht verletzt.


Die Bomben von Ebensee sind heute praktisch vergessen – anhand Hunderter Seiten originaler Ermittlungsunterlagen, zum ersten Mal freigegebener Dossiers der Staatspolizei sowie italienischer Quellen werden die damaligen Ereignisse minutiös rekonstruiert.


1963 hatte ein Konflikt in unmittelbarer Nachbarschaft endgültig auf Österreich selbst übergegriffen – die Auseinandersetzung um Südtirol. Seit zwei Jahren schon führte der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) den Kampf für Selbstbestimmung mit zunehmend terroristischen Mitteln. Dabei erhielten die „Bumser“, wie sie in Österreich verharmlosend genannt wurden, viel Unterstützung nördlich des Brenners – Waffen, Sprengstoff und Geld. Umso verbitterter war man daher in Italien, als sich der BAS-Terror verschärfte. Österreich wurde vorgeworfen, zu wenig zu tun, um die Verbindungslinien zu kappen – und damit den Terror erst recht zu ermöglichen. Vieldeutig erklärte 2005 ein pensionierter italienischer Geheimdienstoffizier im Dokumentarfilm „Bombenjahre“: „Ich war immer überzeugt und habe es auch dem Minister gegenüber gesagt: ‚Ich weiß nicht, wann der Südtirolterrorismus endet, aber ich weiß, wo er endet – er endet in Österreich.’“ Waren die Ebensee-Attentate Teil einer ausgeklügelten Strategie, um Wien zu zwingen, endlich effektiv gegen die „Bumser“ vorzugehen?

Ebensee (Quelle: Wikimedia Commons)
Dass die Spuren der Ebenseeattentäter nach Italien führten, dafür hatten sich zahlreiche Hinweise gefunden. Am Tag nach den Anschlägen erstattete Innenminister Franz Olah im Ministerrat Bericht. In dem Protokoll heißt es: „Es ist überall erhöhte Bereitschaft angeordnet: Kraftfahrzeuge, Wasserwerke, Brücken. Ich glaube, dass man die Maßnahmen einige Zeit aufrechterhalten soll. Ich würde eine Aufhebung nicht befürworten. Es könnte sein, dass sie (die Attentäter, Anm.) damit rechnen, sie seien schon fort und wiederholen das.“ Handelsminister Fritz Bock sorgte sich um die Europabrücke bei Innsbruck: Diese sei zwar so massiv, „dass nichts geschehen kann, aber Arbeiter könnten durch eine Bombenexplosion verletzt werden“. Vizekanzler Bruno Pittermann sprach sich dafür aus, dass man nicht schon eine Beschuldigung „in der Richtung auf eine bestimmte Herkunft der Täter konkretisieren“ sollte. „Das weiß man aber, dass es voraussichtlich nicht Österreicher waren“, gab Olah zurück. An den Tatorten verstreut hatten sich Ausweise einer italienischen Studentenverbindung gefunden – „Hände weg von den Carabinieri!“ lautet der drohende Aufdruck. Verdächtig aufgefallen waren außerdem vier Männer in einem graugrünen Fiat 1100. „Die Täter waren Italiener“, wusste die Kronen Zeitung schon 24 Stunden später. Herausgeber Hans Dichand, alias „Cato“, warnte dass „die vernarbten Wunden aus zwei Weltkriegen“ nun aufbrechen und eine „wirkliche Feindschaft gegen Italien“ entstehen könnte.

Feuerkogelseilbahn heute (Foto: Autor)
Die Beweisstücke von Ebensee passten zu zwei weiteren Anschlägen, die schon länger zurücklagen. Um 04.15 Uhr, am 1. Oktober 1961, hatten die Druckwellen einer Detonation die Fensterscheiben in Innsbruck vibrieren lassen. Auf dem nahe gelegenen Berg Isel war das Andreas-Hofer-Denkmal vom Sockel gesprengt worden. Die zwei Meter hohe Bronzefigur des Tiroler Freiheitshelden lag rücklings auf dem Boden – laut „Neues Österreich“ wies der Zeigefinger der ausgestreckten Hand dabei „nach Süden, Richtung Brenner…“ Sichergestellt wurden auch hier 20 Blanko-Mitgliedsausweise – so wie später in Ebensee.

Ein zweites Attentat, das in dieses Muster passte, war am 18. August 1962 gerade noch verhindert worden: Auf dem Sockel des sowjetischen Heldendenkmals am Wiener Schwarzenbergplatz war Polizisten etwas Verdächtiges aufgefallen: In fünf Meter Höhe, auf dem Denkmalsockel, lag eine dunkle Leinentasche. Als der herbeigeholte Sprengstoffsachverständige dieses herunterholte war schon „bei flüchtiger Betrachtung“ festzustellen, dass sich darin Sprengpatronen, eine Zündschnur und ein tickender Wecker befanden. Die funktionstüchtige „Höllenmaschine“ wurde umgehend entschärft – wären die 5 kg TNT explodiert, wäre der 12 Meter hohe Denkmalsobelisk eingestürzt. Bei der Spurensuche fand man erneut 29 Studentenausweise – diesmal mit dem kryptischen italienischen Aufdruck „Liberta per Berlino“ (Freiheit für Berlin).

Quelle: www.arbeiter-zeitung.at
Die Bomben von Ebensee waren also Teil einer Attentatsserie, die seit zwei Jahren Österreich erschütterte. Ungeachtet der zahlreichen Indizien verdächtigten die Behörden aber Einheimische und zwar aus dem Umfeld des BAS. Der Verdacht begründete sich auf einen Fund nach dem Berg Isel-Anschlag: Eine Rasierklinge der Marke „Aufbau“. Eine gleichnamige Gruppe innerhalb der Südtiroler Volkspartei hatte nur am 30. September 1961, also am Vortag der Bombenexplosion, ein Manifest gegen den Terror veröffentlicht. War das Attentat also eine Warnung des BAS an die Adresse der Gemäßigten? Dann gab es da noch Zeugen, die einen zwei Meter großen Mann am Tatort gesehen haben wollten – für die Ermittler passte die Beschreibung auf den Nordtiroler Kurt Welser, der den BAS seit den Anfangstagen mit Sprengstoff beliefert hatte und selbst über eine fundierte Ausbildung verfügte.

Hinweise, die in eine andere Richtung wiesen, wurden ausgeblendet: Der Sachverständige Alois Massak vermutete schon Anfang 1962, dass beim Berg Isel-Anschlag ein Zünder „mit militärischem Charakter“ verwendet worden war – und dieser italienischer Herkunft sei. Auch Massaks Untersuchung der Ebenseer Bomben ergab, dass es sich um „für militärische Zwecke speziell hergestellte Sprengladungen“ aus reinem TNT handelte. Darüber hinaus waren die verwendeten Weckeruhren italiensche Fabrikate, ebenso wie der elektrische Spezialzünder,  der „von den italienischen Genietruppen verwendet wird“. Trotzdem war man im Justizministerium „seit der ersten Erhebungen“ der Ansicht, „dass die Täter in den Kreisen der Gruppe um Kurt Welser, Dr. Burger, Kienesberger und Genossen zu suchen seien“. Da der BAS-Mann Peter Kienesberger während der Tatzeit in Haft gewesen war und auch der rechtsradikale Universitätsdozent Norbert Burger nicht in Frage kam, konzentrierte sich der Verdacht voll auf Welser. Sein Alibi, am Tag des Anschlags mit Frau und Kind auf einer Tiroler Almhütte übernachtet zu haben, war alles andere als stichhaltig. Welser wurde am 24. Mai 1965 verhaftet – nur um vier Wochen später wieder freigelassen zu werden, da seine Angaben nicht widerlegt werden konnten.


Quelle: www.arbeiter-zeitung.at
Die Spur gegen Welser war absichtlich gelegt worden – und zwar von einem illustren Kreis von Rechtsextremisten, der innerhalb der BAS-Unterstützerszene für den italienischen Geheimdienst spionierte. Am 25. März 1964, wenige Wochen vor Welsers Verhaftung, hatte im „Wilden Mann“ in Innsbruck eine Zusammenkunft stattgefunden. Es ging darum, Belastungsmaterial gegen Welser zu sammeln. Einer der Teilnehmer, Gerhard Neuhuber, erklärte, dass man im Innenministerium wisse, „dass nicht Italiener, sondern BAS-Leute am Werk gewesen seien“. Es existiere ein Foto, dass Welser einen Tag vor den Anschlägen in Ebensee zeige. Außerdem würden die verwendeten Zündmittel aus einem alten Lager der Wehrmacht bei Salzburg stammen. Quelle für diese Informationen war Neuhubers Chef bei der „Legion Europa“, einer rechtsradikalen Kleingruppe: Der 1928 geborene Journalist Alfred („Fred“) Borth. Laut einem Dossier der Staatspolizei unterhielt dieser „Beziehungen und Kontakte zu nationalistischen Organisationen in Italien, Belgien, Deutschland und Großbritannien. Vor allem aber war der umtriebige Journalist ein Mann der Geheimdienste: Borth war nicht nur Konfident der Staatspolizei, sondern machte sich für den italienischen Abschirmdienst SIFAR an Georg Klotz, einen der wichtigsten BAS-Führer, heran. Borth bot Klotz seine Hilfe an und traf ihn regelmäßig – Berichte darüber meldete er wöchentlich nach Rom. Nach den Anschlägen in Ebensee versuchten Borth und sein Umfeld, den Verdacht auf Welser zu lenken – „damit unser Kreis aus der Sache herausgehalten wird, was nur mehr so geht“, wie ein Beteiligter in einem Protokoll notierte. Neuhuber wurde beauftragt, auszuforschen, ob jemand „in den Kreisen um Welser“ einen Volvo, Mercedes oder VW fuhr – weil der Südtirolaktivist damit angeblich in Ebensee vor Ort war. 

Tatsächlich war alles ganz anders gelaufen: 1991 ergab sich aus Aufzeichnungen eines italienischen Neonazis, dass Borth mit den eigentlichen Tätern von Ebensee direkt in Kontakt war. In Verona habe Borth mit italienischen und ausländischen Rechten sowie einem hohen Geheimdienstoffizier zusammengesessen, um eine gemeinsame Vorgangsweise in Südtirol zu koordinieren. Datiert wurde das Treffen auf 1964. Nur wenige Monate später, im Februar 1965, wurde die Rolle von Borths Gesprächspartnern offenbar: Bei einer Razzia in Mailand wurden vier junge Neofaschisten – Giorgio Massara, Sergio Poltronieri, Luciano Rolando und Franco Panizza – verhaftet. Der Haupttäter, der 27jährige Massara, war bei dem Veroneser Treffen dabei gewesen. In seiner Wohnung fanden sich zahlreiche Beweisstücke: Tagebuchaufzeichnungen, Situationspläne, Lichtbilder und die hinlänglich bekannten Studentenausweise. Er habe es als unerträglich empfunden, dass eine große Nation wie Italien durch Terror bedroht werde, rechtfertigte sich Massara. Deswegen habe er sich zu Vergeltungsmaßnahmen entschlossen. Bei einem anderen Verhafteten wurde zudem ein Wiener Stadtplan sichergestellt, auf dem das Sowjetdenkmal angezeichnet war. Außerdem ergab die nachträgliche Durchsicht der Hotelbücher, dass Massara sich am Vorabend des Anschlagsversuchs gemeinsam mit den drei Kameraden das Zimmer Nr. 6 des Hotels „Am Augarten“ geteilt hatte.


Löwendenkmal Ebensee (Foto: Autor)
Die italienische Justiz beeilte sich nicht, gegen die Attentäter vorzugehen: Sie wurden zunächst einmal auf freien Fuß gesetzt und dann dauerte es bis 1969 ehe der Prozess begann. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bis auf Franco Panizza bereits alle Angeklagten ins Ausland abgesetzt. Panizza erklärte vor Gericht nur so viel: „Die Angelegenheit betraf die Verteidigung des Staatsgebiets. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Massara kassierte neun Jahre Haft, verstarb aber kurz darauf. Die anderen Urteile wurden herabgesetzt – zwei der Täter verbüßten einen Teil, der Rest wurde ihnen erlassen. Die Hintermänner des Terrors blieben im Dunklen – allerdings kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Neofaschisten bestens mit den Geheimdiensten vernetzt waren. So fand sich ein Hinweis auf eine „Aktion Österreich“, die logistisch unterstützt wurde. Befohlen haben soll alles der berüchtigte Carabinieri -General Giovanni De Lorenzo, der 1964 einen Staatsstreich plante und über insgesamt 157.000 Italiener Spitzeldossiers anlegen ließ. De Lorenzo befürchtete eine „Algerisierung“ Südtirols, das Ausbrechen eines Aufstands, weshalb für ihn alle Mittel gerechtfertigt waren. Der ursprünglich verdächtigte Kurt Welser wiederum erlebte die Rehabilitierung nicht mehr: Er verunglückte am 15. August 1965 bei einer Bergtour in der Schweiz tödlich.

Hotel "Am Augarten", Wien - hier logierten die Attentäter (Foto: Autor)
Auch nach den Ebenseer Bomben gab es beträchtliche Spannungen zwischen Wien und Rom. Als 1966 drei italienische Beamte auf der Steinalm den Tod fanden, plante der Militärgeheimdienst SID Vergeltungsattentate in Österreich. Zwei Spezialisten für Sabotage wurden nach Südtirol versetzt. Dort gab ihnen Admiral Eugenio Henke persönlich den Auftrag, potentielle Ziele ins Auge zu fassen. Eine entsprechende Liste mit 30 Einträgen wurde in einem Kuvert übergeben. Es blieb bei einem Planspiel.


Löwendenkmal Ebensee (Foto: Autor)
Dafür wurden die geheimdienstlichen Manöver unvermindert fortgesetzt: Der Militärhistoriker Hubert Speckner hat kürzlich Belege dafür vorgelegt, dass das Anschlag auf der Porzescharte 1967 manipuliert war: Vier Carabinieri starben, ein Soldat wurde verletzt – aber eben nicht durch eine Sprengfalle des BAS wie lange Zeit angenommen. Es könnte sich um Opfer eines Unfalls bei Verminungsübungen gehandelt haben, die dann an den präparierten Tatort geschafft wurden. Jedenfalls nutzte Italien das „Massaker“, um Österreich außenpolitisch unter Druck zu setzen. Die  Assoziierungs-Verhandlungen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurden blockiert, bis Wien bereit war, scharf gegen die „Bumser“ vorzugehen. Bereits Mitte Juli 1967 wurde das Bundesheer entsandt, um die Grenze zu Südtirol abzuriegeln. Schon länger ging die Justiz verstärkt gegen BAS-Aktivisten vor. Geschworenengerichte fällten aber ähnlich milde Urteile wie sie auch auf der anderen Seite der Grenze gegen die Ebensee-Attentäter verhängt worden waren. Es dauerte bis 1969 ehe bei den Verhandlungen zum „Südtirol-Paket“ der Durchbruch erzielt und der Konflikt durch eine Autonomielösung entschärft wurde.

In Italien sollten die teils illegalen Aktivitäten ein Nachspiel haben: Mit Bomben Chaos zu schaffen und falsche Spuren zu legen, wurde zur Handschrift einer rechten Terrorwelle, die das Land bis in die frühen 1980er Jahre erschütterte. Mit dieser „Strategie der Spannung“ sollte eine Machtergreifung der starken kommunistischen Partei verhindert werden – notfalls per Militärputsch. Involviert waren einige jener Offiziere, die vorher in Südtirol den Terrorismus mit schmutzigen Mitteln bekämpft hatten – und wahrscheinlich auch in Österreich zuschlagen ließen.

Ansicht Ebensee (Quelle: Wikimedia Commons)