Mittwoch, 20. Juli 2016

„Litzi“, Kim und „Abo“: Drei Agentenschicksale in Wien

1933/34 überschnitten sich die Biografien von Alice „Litzi“ Kohlmann, Kim Philby und Peter Smolka in Wien. Was bedeutete das für den Kalten Krieg und den Filmklassiker „Der Dritte Mann“?

Es sind nur einige wenige Seiten. Wer im Archiv der Republik nach Spuren von Alice „Litzi“ Kohlmann sucht, wird nicht wirklich belohnt. Dabei handelt es sich um eine der spannendsten Figuren der österreichischen Zeitgeschichte sowie des Kalten Krieges. Die assimilierte Jüdin mit ungarischen Wurzeln hatte 1934 den „Spion des Jahrhunderts“, Kim Philby, geheiratet. Seither ranken sich viele Legenden um „Litzi“: Hat sie Philby für den KGB rekrutiert? War sie danach in der DDR für die Stasi tätig? Solche Fragen beantwortet die Recherche in offiziellen Dokumenten nicht. Aber sie geben Einblick in Litzis späte Rückkehr in ihre Geburtsstadt Wien: 1979, mittlerweile 69 Jahre alt, wandte sie sich an die österreichische Botschaft in Ost-Berlin. Sie bat um Erteilung eines Visums, um eine Tante in Wien-Döbling besuchen zu können. Das wiederholte sich in den folgenden Jahren – die Botschaft erteilte die Sichtvermerke bald ohne vorherige Rücksprache mit Wiener Stellen, setzte aber das Bundesministerium für Inneres jedes Mal nachträglich „in Kenntnis“. Als 74-Jährige reiste Litzi am 4. Juli 1984 nach Wien, meldete sich bei Verwandten in der Dommayergasse 8 an und bat um Erteilung eines unbefristeten Visums: „Die Antragstellerin möchte ihren Lebensabend bei Freunden in Österreich (Wien) verbringen. Diese geben Unterkunft und haften auch zur ungeteilten Hand“, heißt es im Bericht des Fremdenpolizeilichen Büros. Von der Staatspolizei wurde bescheinigt, dass „Honigmann Alice, geb. Kohlmann, gesch. Friedmann, gesch. Philby, 02.05. 1910 geb., nicht nachteilig beleumundet wird“. Und: „In staats- und fremdenpolizeilicher Hinsicht konnte über sie bisher nichts Nachteiliges in Erfahrung gebracht werden.“
Porträt von Kim Philby auf sowjetischer Briefmarke, 1990 (Quelle: Wikimedia Commons)
Tatsächlich hatte Litzi mit ihrem Leben in der DDR abgeschlossen – das kann man in der Biografie „Ein Kapitel aus meinem Leben“ (2004) nachlesen. Verfasserin ist die Schriftstellerin Barbara Honigmann, Litzis Tochter. Demnach waren Dokumente für die Wiederanerkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft seit Jahren aus der DDR geschmuggelt worden. In Wien hatte Litzi hatte einen Rechtsanwalt beauftragt, ihre Sache zu betreiben. In Wien angekommen, schickte sie die Wohnungsschlüssel an ihren ehemaligen Nachbarn in der Karl-Marx-Allee – mit der Mitteilung, dass niemand mit ihrer Rückkehr rechnen solle. Ein Schreiben sandte sie auch an die Botschaft der DDR: „Ich bitte, aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen zu werden, um die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen zu können.“ Eine entsprechende Bestätigung blieb aus – trotzdem erhielt Litzi ohne bürokratische Hürden die gewünschten Dokumente und einen Opferausweis, der „den Inhaber zu einer weitgehend bevorzugten Behandlung empfiehlt“. Es war, als „hatte sie Wien seit dem Tage ihrer Geburt nicht verlassen“. Schließlich liebte Litzi die Stadt „trotz der Österreicher“. Sie wohnte in der Theresianumgasse im 4. Bezirk ein und half einmal in der Woche einen Vormittag im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands aus. Litzi Kohlmann starb 1991, drei Jahre nach Kim Philby.

Die Wege der beiden hatten sich im Herbst 1933 gekreuzt: Harold Adrian Russell Philby, von allen nur „Kim“ genannt, war der Sohn eines wohlhabenden Diplomaten und Geschichte-Student in Cambridge. Er kam nach Wien, um seine Deutschkenntnisse vor Eintritt in den diplomatischen Dienst zu verbessern. Außerdem ging es dem 21jährigen Briten und begeisterten Marxisten darum, einen Beitrag in der sich abzeichnenden Konfrontation zwischen den Sozialdemokraten und dem austrofaschistischen Regime von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zu leisten. Ein Agent der Komintern, einer von Lenin gegründeten internationalen Organisation, gab Philby eine Adresse in Wien-Alsergrund, wo stattfanden: Latschkagasse 9. Es war die Wohnung von Litzi – damals war sie 23 Jahre alt und bereits von ihrem ersten Ehemann geschieden, den sie mit 18 geheiratet hatte. Vor allem aber war Litzi eine leidenschaftlich politische Frau, Mitglied der österreichischen Kommunistischen Partei (KPÖ) und in Kontakt mit der Komintern. Zwischen der erfahrenen Aktivistin und dem Upperclass-Sprössling funkte es sofort: „Er kam aus Cambridge, hatte gerade sein Studium dort abgeschlossen, war ein sehr gutaussehender Mann, benahm sich Gentlemanlike und war dazu Marxist, eine seltene Erscheinung. Er stotterte, manchmal mehr manchmal weniger, und wie viele Menschen mit einem Handicap war er sehr charmant. Wir haben uns schnell ineinander verliebt“, erzählte Litzi ihrer Tochter viele Jahrzehnte später.
Latschkagasse Nr. 9  (Foto: Autor)
In den folgenden Monaten wurden Kim und Litzi in den sich verschärfenden innenpolitischen Konflikt hineingezogen. Am 12. Februar 1934 brachen die Kampfhandlungen zwischen Mitgliedern des republikanischen Schutzbundes und der von der Heimwehr unterstützten Regierungstruppen aus. Die Kämpfe dauerten drei Tage und forderten mehr als 1.600 Tote und Verletzte. Philby und Litzi halfen mit, flüchtende Schutzbündler durch das Wiener Kanalnetz zu schleusen. Sie leisteten Erste Hilfe, verteilten Lebensmittel und besorgten Anzüge, um damit untergetauchte Schutzbündler zu tarnen. Als die Repression zunahm – 10.000 Menschen wurden verhaftet, sozialdemokratische Anführer standrechtlich erschossen – ging es darum, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Am 24. Februar 1934 heirateten Philby und Litzi im Wiener Rathaus. Sein britischer Reisepass ermöglichte der Braut Schutz und einen Ausweg.

In London kam es 1935 zur Anwerbung Philbys für den sowjetischen Geheimdienst KGB (damals noch NKWD). Litzi spielte dabei keine aktive Rolle. Ihrer Tochter erzählte sie: „Es stimmt nicht, dass ich es war, die Kim zum sowjetischen Geheimdienst angeworben hat, und dass es überhaupt in Wien geschah, auch wenn das, was er in Wien erlebte, vielleicht für ihn eine politische Initiation dargestellt hat und sehr wichtig für alle seine weiteren Lebensentscheidungen gewesen sein mag.“ Eine andere jüdische Emigrantin aus Österreich, die Fotografin Edith Tudor-Hart, brachte Philby mit Arnold Deutsch zusammen, der für einen sowjetischen Agentenring rekrutierte – später berühmt als „Cambridge Five“. Deutsch war in Wien aufgewachsen und hatte dort Chemie/Physik studiert. Seit Anfang der 1930er-Jahre im Dienst der Sowjets war er an der philosophischen Fakultät der University of London tätig und hatte es auf kommunistische Sympathisanten unter den Studenten abgesehen. Deutsch kam 1942 bei einem Schiffsuntergang im Nordatlantik ums Leben. Tudor-Hart wiederum verstarb 1973. Sie hatte ein Verhältnis mit dem 1938 emigrierten Wissenschaftler Engelbert Broda (1910-1983), dem Bruder des späteren österreichischen Justizministers Christian Broda. Laut KGB-Unterlagen war Engelbert Broda unter dem Decknamen „Eric“ eine wichtige Quelle zu westlicher Atombombenforschung.

Die jungen Männer, die er angeworben hatte, waren Angehörige des Establishments – mit Aussicht auf glänzende Karrieren, was sie zur Infiltration des Regierungsapparats prädestinierte. Im Falle von Philby hatte dies einen Preis: Die Ehe mit einer ausländischen Kommunistin wäre eine Hypothek gewesen. Er trennte sich daher bald von Litzi, wenngleich die Ehe erst 1946 formell geschieden wurde. Im Jahr darauf verließ Litzi Großbritannien und zog nach Ost-Berlin, wo sie Georg Honigmann heiratete, den späteren Herausgeber der Berliner Zeitung. Diese Ehe, aus der Barbara Honigmann stammt, wurde 1966 geschieden. In der DDR arbeitete Litzi im Filmgeschäft und synchronisierte Deutsch/Englisch. Ob sie Spionin blieb, konnte selbst die Tochter nicht herausfinden: „Über ihre eigene Rolle und Funktion im sowjetischen Geheimdienst sagte sie weniger. Eigentlich sagte sie darüber gar nichts. wie lange sie noch für den KGB, […], gearbeitet hat, wie diese Arbeit eigentlich aussah, darüber hat sie sich auch während unseres Gesprächs in meinem Atelier nur sehr vage ausgelassen, und erst viel später ist mir klar geworden, dass sie, als sie mir so groß angekündigte ‚Details‘ erzählen zu wollen, im Grund wenig preisgegeben hat.“ Von der Mutter gebe es keine Stasi-Akte – der ostdeutsche Dienst sei für Litzi nämlich nicht zuständig gewesen, weil sie direkt vom KGB „geführt wurde“. Eigentlich habe sie ein Risiko dargestellt, weil sie ihren Ex-Ehemann durch Indiskretionen jederzeit hätte auffliegen lassen können. Doch Litzi hielt diesen „Lebenspakt“ bis zu ihrem Ende durch.

Die "Cambridge Five" waren die fähigste britische Agententruppe, "die je ein ausländischer Geheimdienst rekrutiert hatte“. So lautet das Urteil des Historikers Christopher Andrew. Es handelte sich um Spione, die nicht aus Geldgier handelten – sondern aus Idealismus und politischer Überzeugung. Von den Zuständen in der stalinistischen Sowjetunion hatten sie kaum Ahnung. Indem Philby und seine Kollegen Guy Burgess, Donald Maclean, Anthony Blunt und John Cairncross Schlüsselpositionen im Schatzamt, dem Außenministerium und im Geheimdienst besetzten, konnten die „Cambridge Five“ dem KGB einen wahren „Schatz“ an Informationen zukommen lassen – schätzungsweise 20.000 Seiten Geheimdokumente und Berichte zwischen 1935 und 1951. Philby, der zum Verbindungsoffizier des Secret Intelligence Service (SIS, besser bekannt unter der Bezeichnung MI6) in Washington aufrückte, verriet zahlreiche Geheimoperationen. So wurden 1950 und 1952 albanische Exilanten auf regelrechte Himmelfahrtsmissionen geschickt, die Dutzende das Leben kosteten. Allerdings misstraute die sowjetische Führung lange Zeit den „Cambridge Five“ und vermutete ein britisches Täuschungsmanöver. 1951 wurden die ersten beiden Agenten – Burgess und Maclean – enttarnt. Dem als „dritten Mann“ verdächtigten Philby gelang es noch einmal, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Man versetzte ihn als Journalisten getarnt nach Beirut. Erst 1962 flog seine Tarnung endgültig auf. Philby konnte sich in die Sowjetunion absetzen – auch weil das SIS kein Interesse an weiteren bloßstellenden Untersuchungen hatte. Die Jahrzehnte, die Philby danach in Moskau verbrachte, waren von Alkoholismus und Isolation überschattet. Es dauerte vierzehn Jahre, bis er zum ersten Mal ins Hauptquartier des KGB eingeladen wurde. In der Sowjetunion öffentlich geehrt wurde Philby erst nach seinem Tod am 11. Mai 1988.

In den 25 Jahren, die er großteils in einer Vier-Zimmer-Wohnung in der Moskauer Innenstadt verbrachte, unternahm Philby nie den Versuch, mit Litzi Kontakt aufzunehmen: „Angeblich soll er mit den Gedanken eines Anrufs gespielt haben, als er sich im Jahre 1984 in Ost-Berlin aufhielt. So berichtet es jedenfalls der russische Journalist in seinem Gesprächsbuch. Auf seine Frage, warum sich Philby nicht mehr bei Litzi gemeldet habe, soll er geantwortet haben, er habe sich gescheut, er habe nicht gewusst, dass sie geschieden war. Was er auch nicht wusste, war, das Litzi im Jahr seines Besuchs in Ost-Berlin gerade nach Wien zurückgekehrt war, an den Ort, an dem ihrer beider Geschichte begonnen hatte. Philby lebte schon seit zwei Jahrzehnten in Moskau, als Litzi in den Westen ging. Das hätte er als eine Art Desertion empfunden“, schreibt Barbara Honigmann. Sie vermutet, ihre Mutter hätte sich ein Wiedersehen mit Philby gewünscht, „bei dem sie sich hätten erklären und aussprechen können. Diesen Wunsch und die Enttäuschung über ein so sprachloses Ende entnahm ich der Art, wie sie manchmal in Anfällen von Ausführlichkeit von ihm und dem, was sie verbunden hatte, erzählte, und eben auch der Art wie sie seinen Namen aussprach.“

Decknamen „Abo“. Es gibt noch einen dritten Akteur, der mit der Geschichte von Litzi und Philby verwoben ist – Peter Smolka, 1912 in Wien geboren, war ebenfalls Agent für die Weltrevolution. Zwei Wochen vor Ausbruch der Februarkämpfe lernte er Philby über Litzi kennen. Später trafen sie einander im britischen Exil wieder. Mit Philby gründete Peter Smollent, wie er sich nun nannte, die kurzlebige Presseagentur London Continental News, die Nachrichten aus Zentraleuropa an Journalisten vertrieb. Spätestens seit 1939 spionierte Smolka unter dem Decknamen „Abo“. Manche vermuten in ihm sogar einen Angehörigen der „Cambridge Five“. Wegen guter Beziehungen zu Churchills Informationsminister Brendan Bracken rückte Smolka zum Leiter der dortigen Soviet Relations Division auf. Seine Aufgabe war es, Vorbehalte der Bevölkerung abzubauen und dieser das Bündnis gegen das Dritte Reich schmackhaft zu machen. Im September 1945 übersiedelte Smolka wieder in seine Heimatstadt Wien. Er bekam von den Sowjets das Unternehmen seines Vaters zurück und machte mit der Firma „Tyrolia Skibindungen“ ein Vermögen. Smolka war auch weiterhin als Journalist tätig – darunter für die London Times, den Daily Express und das Neue Österreich.

„Der dritte Mann“. Als der britische Schriftsteller und zwischenzeitliche MI6-Angehörige Graham Greene sich im Februar 1948 in Wien aufhielt, um das Drehbuch für den Filmklassiker „Der dritte Mann“ zu recherchieren, kannte er Artikel von Smolka-Smollent. Und es gab noch eine weitere Verbindung: Greene war mit Kim Philby befreundet gewesen und bewunderte auch später noch die Überzeugung des Abtrünnigen. Für den Stoff seines Romans holte sich Greene nun Tipps von Smolka. Der erzählte ihm die alten Geschichten: Über Philby, über die Menschenjagd durch die Kanalisation und über die Elends-Geschäfte der Schleichhändler im Nachkriegs-Wien. Smolka hatte dies in ein Manuskript gepackt, für das man ihm 210 Pfund bezahlte. Im Oktober 1948 begannen die Dreharbeiten für den „Dritten Mann“. Die Hauptfigur des charismatisch-zynischen Schiebers Harry Lime war dann an beide angelehnt – an Philby und Smolka. Letzterer wurde im „Dritten Mann“ verewigt: Ein britischer Offizier, der Lime auf der Spur ist, gibt seinem Fahrer das Kommando: „Take us to Smolka’s!“ – im Film ein Kellerlokal in der Kärntnerstraße.

Seine Geheimnisse bewahrte Smolka bis zu seinem Tod 1980. Er war eine honorige Persönlichkeit und unter anderem mit Bruno Kreisky seit Kindestagen befreundet – die Unterstützung des Kanzlers war zentral gewesen, um ein letztes großes Projekt zu verwirklichen: Im Sommer 1974 wurde das englischsprachige Vierteljahres-Magazin Austria Today gegründet, das 1980 zusätzlich auf Französisch erschien. Über österreichische Vertretungen in 139 Ländern aufgelegt, vermittelte Austria Today ein „realistisches Bild des modernen Österreich“: „Es wird in erster Linie von Opinion Leaders im Ausland, aber auch von Ausländern in Österreich gelesen. Es stellt ein positives Image von Österreich vor und zeigt unsere Leistungen in Wissenschaft, Forschung, Medizin, Kultur, Politik, Handel, Wirtschaft und Industrie“, hieß es in einem Brief des Bundeskanzlers, der in der Stiftung Bruno Kreisky Archiv aufbewahrt wird. Das Bundeskanzleramt bezahlte 1978 an Smolka 7.700 Abos, „tut also ein Maximum zur Verteilung der interessanten Publikation“. Allerdings waren die Abos im Vergleich zu Privatbeziehern insgesamt um eine halbe Million Schilling teurer offeriert worden. Nach Smolkas Tod schlingerte Austria Today trotz Subventionen in eine Krise und wurde schließlich eingestellt.

Literatur:
Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben, München, 2004.
Ben Macintyre: A Spy among Friends. Philby and the great Betrayal, London, 2014.
Peter Stephan Jungk: Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens, Frankfurt, 2015.
Brigitte Timmermann, Frederick Baker: Der dritte Mann. Auf den Spuren eines Filmklassikers. Czernin, Wien, 2002.
Peter Forges, My Spy: The Story of H. P. Smolka, Soviet spy and inspiraton for „The Third Man“, Lapham’s Quaterly, 14.1.2016.
Christopher Andrew, MI 5. Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes, Berlin 2011.

Hinweis: Gekürzte Version erschienen in Öffentliche Sicherheit, Nr 7-8/2016, 30 ff.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Exkurs: Ein schwarzer Tag für die Nordarmee – 150 Jahre Schlacht von Königgrätz

Es war eine der größten Schlachten der modernen Geschichte: Nahe der nordböhmischen Stadt Hradec Králové (Königgrätz) trafen am 3. Juli 1866 221.000 Preußen mit 702 Geschützen auf 215.000 Österreicher sowie 21.000 Sachsen mit 650 Geschützen. Von der Zahl der beteiligten Kräfte blieb das im gesamten 19. Jahrhundert unübertroffen. Praktisch beendet wurde der insgesamt siebenwöchige „Deutsche Krieg“ – zwischen Österreich, seinen süd- und mitteldeutschen Verbündeten auf der einen Seite sowie Preußen und Italien auf der anderen Seite. Heute, 150 Jahre später, gibt es viele Gründe, sich mit diesem epochalen Ereignis auseinanderzusetzen und es in Erinnerung zu rufen.

Schlacht von Königgrätz, Gemälde von Christian Sell (Quelle: Wikimedia Commons)
Mit der Niederlage von Königgrätz verlor das Habsburgerreich seine hegemoniale Stellung in Zentraleuropa. Geschwächt musste es nicht nur innerlich den „Ausgleich“ mit Ungarn suchen (1867), sondern seine außenpolitischen Ambitionen auf den Balkanraum verlegen – mit weitreichenden Folgen bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs (1914). Der 1815 gegründete „Deutsche Bund“ der „souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands“ wurde aufgelöst. Preußen stieg zur Führungsmacht auf und sollte noch während des Deutsch-Französischen-Kriegs (1870/71) die Gründung des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) vorantreiben. Österreich blieb von dieser Entwicklung ausgeschlossen – was von den deutschsprachigen Teilen der Monarchie als Trauma empfunden wurde. So rief der Dichter Franz Grillparzer den „Siegern von 1866“ anklagend zu: „Ihr glaubt, ihr habt ein Reich geboren, und habt doch nur ein Volk zerstört!“
Reenactment der Schlacht von Königgrätz 2014 (alle Fotos: Autor)
Der folgende Artikel beschäftigt sich in erster Linie mit dem militärhistorischen Aspekt. Hier war Königgrätz für die Nordarmee der Kulminationspunkt eines Feldzugs, der von demütigenden und vor allem verlustreichen Niederlagen gekennzeichnet war. Nachdem Preußen am 19. Juni 1866 den Krieg erklärt hatte, rechneten Beobachter fast einmütig mit einem Sieg der kriegserfahrenen Kaiserlichen. Doch schon sehr bald wurden sie eines besseren belehrt – der Deutsche Krieg machte Hannover, Hessen, Baden und Bayern zum Schauplatz einiger kleinerer Gefechte zwischen preußischen Truppen und der „Bundesarmee“, die von Truppen der deutschen Verbündeten Österreichs gebildet wurde. Der von Preußen ohne Kriegserklärung überrumpelten sächsischen Armee gelang der Anschluss an die Nordarmee in Böhmen. Hier befand sich auch einer der beiden geografischen Schwerpunkte des Krieges – in Norditalien kämpfte die österreichische Südarmee unter Erzherzog Albrecht gleichzeitig gegen Italien. Trotz des Erfolgs bei Custozza am 24. Juni 1866 und des Seesiegs von Admiral Wilhelm von Tegethoff bei Lissa am 20. Juli 1866 musste Österreich schließlich Venetien abtreten.
Nachstellung 2010
Blutiger Auftakt
Am böhmischen Kriegsschauplatz dagegen hatten die Ereignisse von Anfang an einen katastrophalen Verlauf genommen: Als die preußischen Truppen getrennt in drei Armeen Ende Juni 1866 durch das Riesengebirge einmarschierten, ließ man die Gelegenheit aus, diese einzeln zu schlagen. Nicht nur das, die abkommandierten österreichischen Armeekorps wurden in acht blutigen Gefechten besiegt. Fast jedes Mal war es den mobiler agierenden Preußen gelungen, höhergelegenes Gelände rechtzeitig zu besetzen und die folgenden Gegenangriffe abzuwehren. Lediglich bei Trautenau konnte das VI. Korps unter Ludwig Gablenz am 27. Juni 1866 einen preußischen Verband zum Rückzug zwingen. Schon im ersten Vorpostengefecht von Hühnerwasser (Kuřívody) am 26. Juni 1866 hatte sich eines überdeutlich gezeigt: Die preußische Seite war in Sachen Feuerkraft überlegen. Während gerade einmal 50 Mann fielen, verlor das I. österreichische Korps fünf Mal so viele Männer. Hauptgrund hierfür: Mit dem Zündnadelgewehr verfügten die preußischen Infanteristen über einen modernen Hinterlader mit dem theoretisch zehn bis zwölf Schüsse pro Minute möglich waren. Damit war die Feuergeschwindigkeit drei- bis fünfmal schneller als beim österreichischen Lorenzgewehr – einem Vorderlader, der im Stehen durch den Lauf geladen werden musste. Eine entsprechende waffentechnische Modernisierung war zuletzt 1865 durch die parlamentarische Armeeaufwand-Kontrollkommission verschoben worden – mit dem Hinweis, kein ausgeglichenes Budget zur Verfügung zu haben.

Noch verschlimmert wurde dieser Nachteil durch die „Stoßtaktik“ der österreichischen Infanterie – damit sind Frontalangriffe in massierten Kolonnen gemeint, die den Sinn hatten, das feindliche Feuer so schnell wie möglich zu durchlaufen, um in den Nahkampf mit Bajonett und Gewehrkolben überzutreten. Was im Deutsch-Dänischen Krieg (1864) gegen einen ebenfalls mit Vorderladern bewaffneten Feind noch einigermaßen gut funktioniert hatte, war nun glatter Selbstmord. Das lässt sich an den Verlustzahlen erahnen: Bei Trautenau fielen 3,6-mal so viele Österreicher wie Preußen (4 787 zu 1 338) und bei Náchod fünfmal so viele (5 719 zu 1 122, zahlenmäßig die höchsten Verluste vor Königgrätz). Beim Nachtgefecht von Podol betrug das Verlustverhältnis gar 8 zu 1 (1 048 zu 130), schreibt Peter Aumüller 2004 in „Truppendienst“. Dass die Preußen auch über modernere Geschütze verfügten, fiel dagegen nicht so ins Gewicht, weil die Mannschaften in der Bedienung teilweise noch unsicher waren. Aber darüber hinaus wurde man österreichischerseits noch von ganz spezifischen Problemen geplagt wie der babylonischen Sprachverwirrung innerhalb der multinationalen Armee. Zum Beispiel kämpften die Truppen in Podol so lange geordnet, bis ihnen die Offiziere aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit die Befehle nicht mehr per Handzeichen vermitteln konnten. Insofern ist die Bezeichnung „Österreicher“ natürlich eine unscharfe Verkürzung – unter den kaiserlichen Fahnen kämpften neben Deutschsprachigen weiters Italiener, Kroaten, Slowaken, Slowenen, Polen, Rumänen, Serben, Slowaken, Tschechen, Ukrainer sowie Ungarn. Nicht nur die Ereignisse vor 150 Jahren sollten daher im Kontext gemeinsamer mittel- und osteuropäischer Geschichte begriffen werden.
Schlachtfeldfunde im "Kriegsmuseum 1866" bei Chlum
Entscheidung bei Königgrätz
Nirgendwo sollte das Missverhältnis bei den Opferzahlen so offensichtlich zutage treten wie in Königgrätz: Entlang einer Kampflinie von 10,5 Kilometer betrugen die Verluste an Toten, Verwundeten und Vermissten auf österreichischer Seite pro Meter drei Mann und pro hundert Meter 11 Offiziere. Oder anders ausgedrückt: 5.658 Mann wurden getötet, 7.410 vermisst, 7.574 verwundet und 22.170 gefangen genommen. Die preußischen Verluste dagegen waren leicht: 1.929 Tote, 276 Vermisste und 6.948 Verwundete. Aber es ist nicht so, dass der Ausgang der Schlacht bereits fix festgestanden wäre. Nach dem ersten Schock hatte man auf österreichischer Seite ein paar Lehren gezogen: Man wollte den Feind diesmal von seiner eigenen Medizin „kosten“ lassen – und zwar indem man ihn in konzentriertes Abwehrfeuer zwang. Zu diesem Zweck hatten sich die zehn Korps sowie fünf Kavalleriedivisionen der Nordarmee sowie der sächsische Truppenteil auf hügeligem Gelände zehn Kilometer nordwestlich der Festung Königgrätz aufgestellt. Im Zentrum wurde eine „große Batterie“ von 160 Geschützen und dahinter massive Reserven – zwei Infanteriekorps und Kavallerie – positioniert. Sobald der Feind sturmreif geschossen wäre, würde man zur Gegenoffensive übergehen.

Das war der Plan, den sich der Oberkommandierende, Ludwig Ritter von Benedek, zurechtgelegt hatte. Der damals 62 jährige Feldzeugmeister verdankte seinen Posten der Tatsache, dass er sich 1859 im Krieg gegen Frankreich und Italien als einziger mit Ruhm bedeckt hatte. Mit dem neuen Kommando war Benedek aber von Beginn an überfordert – immer wieder bekannte er, in Böhmen ein „Fremdling“ zu sein und war von Zweifeln gepeinigt. Unter dem Eindruck der vorangegangenen Niederlagen telegrafierte Benedek am 1. Juli 1866 an den kaiserlichen Hof: „Bitte Eure Majestät dringend, um jeden Preis Frieden zu schließen. Katastrophe der Armee unvermeidlich.” Die Antwort lautete: „Einen Frieden zu schließen unmöglich. Ich befehle – wenn unausweichlich – den Rückzug. Hat eine Schlacht stattgefunden?“ 

Diesen letzten Satz soll der verunsicherte Benedek als Befehl aufgefasst haben. Auch seine unmittelbaren Untergebenen – der Leiter der Operationskanzlei Gideon von Krismanic und Stabschef Alfred Henikstein – waren alles andere als gewiefte Strategen. Aber nichts verdeutlicht die Führungsschwäche deutlicher als Benedeks Verhalten beim „Kriegsrat“ am 2. Juli 1866 unmittelbar vor der Schlacht. Alle hohen Ränge waren versammelt, aber der Feldzeugmeister schärfte ihnen lediglich ein, in Sachen Disziplin die Zügel nicht schleifen zu lassen. Man würde die erschöpfte Armee einige Tage rasten lassen. Als dann Leopold von Edelsheim, mit 40 Jahren der jüngste General, anmerkte, dass man wohl spätestens am folgenden Morgen angegriffen würde, kanzelte ihn Benedek ab: „Wo haben Sie denn das Prophezeien gelernt?" und "Junge Leute pflegen immer Ansichten zu haben.“ Somit ist es auch nicht überraschend, dass die einzelnen Korpskommandanten über ihre zugedachte Rolle nicht Bescheid wussten. Das gab dem als Defensivschlacht geplanten Waffengang bald eine neue Richtung.
Ludwig von Benedek (Quelle: Wikimedia Commons)
Von der Defensiv- zur Offensivschlacht
Im Laufe des Vormittags an jenem 3. Juli 1866 hatten sich die Dinge zunächst gut entwickelt: Die frontal angreifende 1. preußische Armee hatte das Flüsschen Bistritz überquert, war dann aber im Feuer der österreichischen Kanonen liegen geblieben. Auch der rechte Flügel – die Elbarmee – kam wegen des übervorsichtigen Kommandanten kaum voran. In dieser Situation glaubten die Generäle Anton Mollinary und Karl Thun-Hohenstein ihre Stunde gekommen. Ihr II. bzw. IV. Armeekorps bildete eigentlich den rechten österreichischen Flügel. Dieser sollte die 2. preußische Armee, die sich noch im Anmarsch auf das Schlachtfeld befand, abwehren. Doch die Krise des Feindes im Zentrum legte es nahe, in die Offensive überzugehen und den zermürbten Feind in der Flanke zu packen. Dazu musste aber erst der Swiepwald erobert werden, den die preußische 7. Division besetzt hatte. In der Folge entspann sich eine der blutigsten Episoden der Schlacht – insgesamt traten 39 österreichische Bataillone an, um 14 preußische zu vertreiben. 
Denkmal beim Swiepwald
Der offizielle Bericht des k. k. Generalstabsbüros von 1868 beschreibt, wie das der Brigade des Oberst Karl Poekh beinahe gelungen wäre: „Da wurden plötzlich auf einer waldbedeckten Anhöhe in der rechten Flanke preußische Massen bemerkbar, welche ein mörderisches Feuer auf die tiefer befindliche Brigade eröffneten. Der Brigadier und alle Stabsoffiziere – bis auf einen – fielen.“ Als es nach Stunden gelungen war, das Gehölz zum Großteil unter Kontrolle zu bringen, traf ein Befehl Benedeks ein: Trotz hartnäckiger Proteste Mollinarys wurden die Korps wieder in die Ausgangsstellung zurückbefohlen. Auch im Zentrum verweigerte der Feldzeugmeister hartnäckig den Offensivbefehl und beließ es beim passiven Zuwarten – bis es Untergebene auch in diesem Abschnitt nicht mehr aushielten. Im Glauben, der allgemeine Vormarsch würde bald beginnen, drangen zwei Regimenter „mit aller Bravour“ auf den gegnerisch besetzten Holawald vor, mussten aber nach schweren Verlusten umkehren.
Denkmal des 8. Jägerbataillons im Swiepwald
„Plauschens net so dumm!“
Die ausgebluteten Truppen am rechten Flügel waren nach dem Hin- und Her jedenfalls zu demoralisiert, um die 2. preußische Armee noch aufhalten zu können. Deren Spitze, die Gardedivision, brachte es zustande, gegen 14.45 Uhr schnell bis ins Herz der österreichischen Aufstellung, dem Dorf Chlum, vorzudringen. Benedek schnaubte einen Stabsoffizier, der ihm die verhängnisvolle Meldung brachte, noch an: „Plauschens net so dumm!“ Aber dann wollte er doch selbst nach dem Rechten sehen. Prompt gerieten er und seine Suite zuerst unter preußischen Beschuss, dann in „friendly fire“. Mehrere Offiziere, darunter der Sohn des Flügeladjutanten des Kaisers und Erzherzog Wilhelm wurden getötet oder verwundet. An einer anderen Stelle nahe Chlum ließ Hauptmann von der Groeben seine acht Geschütze wenden und bis auf 200 Schritte an den Dorfrand heranfahren, um die vordringenden Preußen zu beschießen – „doch das feindliche Schnellfeuer richtete unter der Mannschaft und Bespannung solche Verheerungen an (in diesem Momente fielen Hauptmann v. d. Groeben, 1 Officier, 52 Mann und 68 Pferde), dass die Batterie nur 10 Schüsse machen und nur 1 Geschütz fortgebracht werden konnte; 7 blieben kampfunfähig stehen und gingen verloren“, so der Generalstabsbüro-Bericht. Unter den zahllosen Erinnerungsstätten, die in den darauffolgenden Jahrzehnten auf dem Schlachtfeld errichtet wurde, sticht als größtes jenes für die „Batterie der Toten“ hervor. Aber nicht weit entfernt schoss auch die Fußbatterie Nr. 7/XII unter Hauptmann Josef Kuhn bis zum letzten Augenblick – und geriet in Vergessenheit.
Die Batterie der Toten, Monumentalgemälde von V. Sochor (Ausschnitt, Heeresgeschichtliches Museum, Wien)
Das Schlachtenglück hatte sich nun endgültig gewendet Um Chlum und das benachbarte Rozběřice zurückzuerobern traten die Reserven – das VI. und I. Korps – an. Dem Wiener Hausregiment Deutschmeister gelang es, Rosberitz (Rozběřice) wieder in Besitz zu nehmen. Auf preußischer Seite mischte sich der damals 19jährige Paul Hindenburg (später Oberbefehlshaber im 1. Weltkrieg und Reichspräsident) ins Handgemenge. In „Aus meinem Leben“ (1920) schilderte er die Erlebnisse so: „Von Kampf in geordneten Verbänden ist keine Rede mehr. Jeder sticht und schießt um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. […] Dessen goldene Uhr wird mir überbracht, damit diese nicht etwa feindlichen Plünderern in die Hände fällt. Bald laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Rücken führenden Seitengasse tönen österreichische Hornsignale, hört man die dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir müssen, auch in der Front hart bedrängt, zurück. Ein brennendes Strohdach, das auf die Straße herabstürzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt, rettet uns.“ 
Deutschmeister-Denkmal in Rosberitz
Nach diesem Anfangserfolg mussten die Österreicher allerdings über eine steile Anhöhe nach Chlum vordringen. Das Ergebnis war ein wahres Massaker: Die preußischen Gardisten feuerten aus der Deckung eines Querhohlwegs und zwei Geschützbatterien schossen Kartätschen in die Flanken der Sturmkolonnen. Innerhalb von weniger als einer Stunde verlor das VI. Korps 125 Offiziere und 6.000 Mann. Das I. Korps büßte innerhalb von 20 Minuten sowie auf dem Rückweg von 20.00 Mann gar 279 Offiziere, 10.000 Mann und 23 Geschütze ein.
Denkmal für das I. Korps auf der Höhe von Chlum
„Die Hölle tut sich auf“
In der Novelle „Eine Sommerschlacht“ (1887) beschrieb der Veteran und Schriftsteller Detlev von Liliencron diese apokalyptischen Kämpfe: "Und die Hölle tut sich bei uns auf. Mit wundervollem Mut, mit prächtigem Vorwärts, weit die Offiziere voran, und wenn sie fallen, springen andere vor, so dringt's her gegen uns. Aber der Feind kann nichts machen gegen unser Blitzfeuer. Er muß zurück. Verwundete schwanken auf uns zu. Da kommt der Hauptmann wieder. Er drückt mir die Hand. Und ein Funkelfeuer wirft sein Auge in mein Herz. Ich weiß, was er will: ‚Auf!' schreit er, und vorwärts, glühend er voran, mit Marsch, Marsch auf den Feind. Wir sind an der Mauer. Hinaus! Hinab! Mann gegen Mann. Ein langer österreichischer Jäger hebt mich am Kragen hoch und will mich wie einen Hasen abfangen. Aber: 'Ha!' faucht es neben mir durch die Nase, und Cziczan 'flutscht' ihm das aufgepflanzte Seitengewehr durch die Rippen. Einen Augenblick schau' ich mich um: der alte Sergeant steht neben mir. 'Ha!' schnaubt er durch die Nase. Seine Augen rollen. Er ist der einzige, der auch in diesem Augenblick nicht einen Knopf, nicht den Kragen geöffnet hat."

„Marsch! Marsch! Hurra!“
Benedek war währenddessen nicht greifbar, sondern irrte auf dem Schachtfeld umher. Gegen 16 Uhr passierte er ein Kürassierregiment und rief es zur Ordnung: „Um Gottes Willen, meine Herren! Dort ist der Feind! Dorthin die Front!“ In diesem Moment sauste eine Granate herbei und tötete den kommandierenden Oberst – dessen Leichnam blieb aber mit dem Stiefel im Steigbügel hängen und wurde vom Pferd mitgeschleift. Entsetzt schrie Benedek, man solle das Tier aufhalten, aber weitere Granattreffer ließen die Kürassiere auseinanderstoben. Der Feldzeugmeister sah darin Ungehorsam und schloss sich kurz darauf tief deprimiert dem allgemeinen Rückzug an. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Elbarmee auch Benedeks linken Flügel eingedrückt und damit die Niederlage vervollständigt. Es gelang nur mehr, die Verfolgung durch die preußische Kavallerie mit einem Gegenangriff zu stoppen. In der Ebene zwischen Stresetitz (Střezetice) und Langenhof (Dlouhé Dvory) prallten jeweils 5.000 Mann in einem der letzten großen Reitergefechte aufeinander. Mittendrin war der Kürassierleutnant Ernst Graf Wurmbrand: „Es war der schönste Tag meines Lebens, selbst wenn es der letzte gewesen wäre. […] In der Nähe der preußischen Ulanen kommandiere ich: ‚Marsch! Marsch! Hurra!‘ und so ritt ich direkt auf die feindliche Mitte zu, ein Wald von Lanzen starrte mir entgegen. Ich durchritt ein paar Offiziere, die vor der Front ritten, und sprang dann gleich in die Mitte des feindlichen Ulanenregiments hinein. Einem Ulanen rechts von mir spaltete ich den Schädel, er sank vom Pferd, mein Pallasch war aber zu stark in seinen Schädel eingedrungen, ich konnte ihn nicht gleich wieder herausziehen, und das war mein Verhängnis. Denn alle Ulanen stachen nach mir, zum Glück daneben, aber einer, […], erwischte mich und stach mir in die rechte Halsseite. Der Stich war gut und heftig, mir wurde sofort schwarz vor Augen, und ich fiel vom Pferd herunter.“ 
Wurmbrands Helm mit deutlichen Kampfspuren im Heeresgeschichtlichen Museum, Wien
Gefecht zwischen österreichischen Ulanen und preußischen Kürassieren (Gemälde 1883, Quelle: Wikimedia Commons)
Hätten die Preußen an diesem Punkt nicht Halt gemacht, hätten sie die Nordarmee wohl völlig vernichtet – denn mit dem Fluss Elbe befand sich ein großes Hindernis im Rücken von Benedeks Stellung. Das Gerücht, die Preußen wären ihnen tatsächlich auf den Fersen, verbreitete aber so viel Panik unter den Fliehenden, dass es beim Übergang noch zahlreiche weitere Opfer gab.

Das „Aufräumen“ nach der Schlacht
Der Horror des Schlachtfelds wird aus Erlebnisberichten der örtlichen bäuerlichen Bevölkerung deutlich. Einer, den man zum „Aufräumen“ zwang, berichtete, wie die Toten im Swiepwald beiseite schaffte: „Im Wald wurde gewöhnlich eine Grube nur einen ‚Stich‘ tief, 30 bis 50 cm, ausgehoben und hier wurden die Leichen eingebettet und mit der aufgeschütteten Erde etwas zugedeckt. Wo es der Boden erlaubte, zum Beispiel an breiteren Wegen im Wald oder an kahlen Stellen ohne Bestand, dann in den Feldern wurden die Gruben einen Meter oder tiefer gegraben, und es wurden stets mehrere Leichen in ein Grab gebettet, ab und zu bis 100. Die Leichen lagen überwiegend mit Mänteln bekleidet, nur die beraubten Leichen waren entkleidet. Es geschah so, dass der beim Beerdigen Wache haltende Preuße anordnete, die Leute sollten den Leichen die Mäntel ausziehen, da sie diese gut gebrauchen können.“ Ein anderer Bauer wurde mit seinen Knechten hinzugezogen, um zu helfen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere Tage vergangen und die Körper in „ziemliche Zersetzung“ geraten: „So ließ er von zu Hause ein Pferd und eine Kette holen, und als das Pferd gebracht wurde, umschlang dem toten Schützen die Kette um beide Beine und zog ihn auf diese Weise aus dem Wald in einen tiefen Graben am unteren (nördlichen) und östlichen Waldteil. In diesen mehr als 200 m langen Graben wurden [je] zwei Tote unten und einer oben gebettet.“
"Ein Ruhmesblatt der österreichischen Artillerie" - Gemälde v. 1897 im Heeresgeschichtlichen Museum, Wien)
„Die Piefkes kommen!“
Der Deutsche Krieg zog sich nach Königgrätz noch mehrere Wochen bis zum Vorfrieden von Nikolsburg am 26. Juli 1866 hin. Größere Kampfhandlungen gab es abgesehen von einigen Kleingefechten nicht mehr. Für die preußische Armee war diese Phase allerdings die verlustreichste: 4.529 Soldaten starben auf dem weiteren Vormarsch an der Cholera – mehr als durch österreichische Kugeln (insgesamt 4.070). 
Die Cholera war tödlicher - Denkmal für preußische Opfer der Krankheit in Poysdorf (NÖ).
Ein demütigender Einmarsch in der Residenzstadt Wien blieb Kaiser Franz Josef II. erspart – die Preußen hielten ihre Parade dafür am 31. Juli 1866 in Gänserndorf ab. Dabei soll der Kapellmeister Johann Gottfried Piefke mit imposantem Schnurr- und Backenbart so großen Eindruck auf die Zuschauer gemacht haben, dass diese riefen: „Die Piefkes kommen!“ Weniger amüsant war die Aufarbeitung der Verantwortung für die vollständige Niederlage. Vor allem Benedek wurde hier zum bequemen Sündenbock: Der oberste Militärjustizsenat verhängte gegen ihn und einige Offiziere eine kriegsgerichtliche Untersuchung, die jedoch auf Befehl des Kaisers eingestellt wurde. Es wurde Benedek jedoch das Versprechen abverlangt, über die Umstände der Niederlage für immer zu schweigen. Als gebrochener Mann starb er 1881 in seiner Grazer Villa.
Das "Piefke-Denkmal" erinnert seit 2009 an die Begebenheit in Gänserndorf (Quelle: Wikimedia Commons)
„Fliegendes Korps“
In vielerlei Hinsicht war der Deutsche Krieg einer der ersten modernen Konflikte: Zum ersten Mal spielten Eisenbahnen beim Truppentransport eine wesentliche Rolle. Die aufwändige logistische Planung dahinter hätte sich freilich für die preußische Seite fast ins Gegenteil verkehrt, weil die Nachschubzüge zum Teil erst eintrafen, als die Schlacht von Königgrätz schon gewonnen war. Auch ersetzte der Telegraf zum Teil die vorindustrielle Kommunikation über Meldereiter. Die Leitungen wurden aber auch bereits von Spionen zur Nachrichtengewinnung „angezapft“. Und es gab sogar Überlegungen, eine Guerilla im Rücken der preußischen Front aufzubauen. Hauptmann von Vivenot schlug Benedek vor, aus dem gesamten Forstpersonal Böhmen und Mährens ein „Fliegendes Korps“ aufzustellen. Mit Gewehren, Säbeln, Sensen und Dreschflegeln ausgestattet sollte es kleinere preußische Abteilungen aus dem Hinterhalt angreifen, Verkehrswege sabotieren und Kuriere abgefangen. Der am 22. Juli 1866 vereinbarte Waffenstillstand sollte der Umsetzung dieses Plans in die Quere kommen. 

Es bleibt beim "Gradaus"
In einem Punkt erwies man sich auch später lernresistent: Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, zeigten die österreichischen Militärs immer noch dieselbe Fixierung auf schlecht unterstützte Frontalangriffe. Wie der US-amerikanische Militärhistoriker Geoffrey Wawro in „A mad Catastrophe“ (2014) schreibt, war die österreichische Tradition des „Gradaus“ seit dem Musketenzeitalter praktisch unverändert geblieben – ungeachtet moderner Erfindungen wie Maschinengewehr und schnellfeuernder Artillerie. Das war der Hauptgrund dafür, warum man in den ersten Herbstschlachten in Galizien enorme Verluste von rund 500.000 Gefallenen, Vermissten und Gefangenen erlitt – wovon sich die Armee nie mehr erholen sollte. Letztendlich war es die Niederlage von Königgrätz, die wesentlich dazu beitrug, dass sich die europäische Geschichte so verhängnisvoll entwickelte – auch wenn dies nicht linear geschah, ist man geneigt, dem Historiker Wilhelm Schüssler zuzustimmen: Ohne Königgrätz „dürfte eine Erscheinung wie Hitler kaum zu erklären sein.“
Denkmal für die "Batterie der Toten"bei Chlum

Montag, 23. Mai 2016

Papst-Attentat: Ein kleines Rädchen im Kriminalrätsel des Jahrhunderts

Vor 35 Jahren, am 13. Mai 1981, wurde Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz von einem Attentäter angeschossen. Die dabei verwendete Waffe stammte von einem Händler aus Österreich.

Grünau im Almtal, wenige Tage nach dem Papstattentat: Otto Tinter, ein 70jähriger Rentner, nimmt Abschied am Grab seiner Frau. Nach der Beerdigung bekommt er unerwarteten Besuch. Es ist ein Kriminalbeamter, der ihm ein Fernschreiben vorhält. Daraus geht hervor: Es war eine von Tinter verkaufte Pistole, mit der das Oberhaupt der katholischen Kirche schwer verletzt wurde. Worin besteht die Verbindung zwischen dem „Verbrechen des Jahrhunderts“ und einem biederen oberösterreichischen Pensionär? Tinter – ein ehemaliger Konstrukteur in der Waffenabteilung der Steyr-Werke – hatte nicht einfach einen ruhigen Lebensabend verbracht. Er kaufte und verkaufte Waffen. Unter anderem war jene Pistole der Marke FN Browning, Kaliber 9 mm, mit der der Papst lebensgefährlich verletzt wurde, durch Tinters Hände gegangen. Mit einer Konzession als Waffenhändler wäre das sogar legal gewesen. Aber Tinter hatte keine solche Genehmigung. Man hatte sie ihm verweigert, obwohl die zuständige Sicherheitsdirektion einen zuverlässigen Lebenswandel bescheinigte. Tinter hielt das nicht ab – auch weil er seine an Schizophrenie erkrankte Tochter zu versorgen hatte, begann er ab 1977 Pistolen eben illegal zu verkaufen. Insgesamt waren es 150 Stück.

Unter anderem orderte er am 9. Juli 1980 in der Schweiz 22 zerlegte Faustfeuerwaffen und legte dafür den Lieferschein des konzessionierten Kremser Händlers Horst Grillmayer vor: „Der Name ist in Zürich bekannt. Ich habe ihn nur verwendet, weil ich dadurch niedrigere Preise bekam.“ Unter den Pistolen, die anschließend auf dem Postweg an Tinter gingen war jene FN Browning – von der Fabrique Nationale im belgischen Herstal. Von dort war die Waffe an den Schweizer Generalrepräsentanten nach Neuchâtel gegangen, der sie wiederum an das Züricher Waffengeschäft Glaser weiterhandelte. Hier bezog Tinter schließlich die Pistole. Der Weg der Browning ließ sich anhand der nicht herausgefeilten Seriennummer leicht nachvollziehen. Tinter blieb freilich das letzte Glied in der Kette – wie die Pistole in die Hand des Attentäters, des damals 23jährigen Türken Ali Agca, kam, ist nur eines von vielen Rätseln rund um den Anschlag auf Johannes Paul II. Tinter behauptete zunächst, der geheimnisvolle Mann sei ein Schweizer gewesen, der für mehrere Pistolen 60.000 Schilling in Franken bezahlt habe. Danach beließ es Tinter bei Andeutungen: „Ich weiß, dass ein hoher Wiener Finanzbeamter die Waffe eine Zeitlang besessen hat. Der hat sie dann in einem Kaffeehaus an zwei Türken verkauft.“
Wenige Wochen vor dem Attentat wohnte Agca in der Wiener Jheringstraße (Foto: H. Niklas)
Tinter und Agca wurden einander 1985 beim Prozess in Sachen Papstattentat gegenübergestellt. Beide wollten einander nie begegnet sein. Agca gab an, die Browning im März 1981 in Wien erworben zu haben. Damals versteckte er sich mit einem falschen Pass auf dem Namen Joginder Singh für einige Wochen in der Jheringstraße Nr. 33. In einem TV-Interview 2010 bestätigte Agca noch einmal, die Waffe „mit eigenen Mitteln“ in Österreich besorgt zu haben. In den 1980ern Jahre hatte er zusätzlich den Namen Grillmayer genannt – offenbar deswegen, weil sich Tinter auch beim Verkauf des Namens seines bekannteren Kollegen bedient hatte, um mehr Profit herauszuschlagen. Grillmayer, der von alldem nichts gewusst haben will, war nämlich eine große „Nummer“ im Geschäft: Er sprach nicht nur Türkisch, sondern reiste häufig nach Syrien, Libyen, in die DDR und andere osteuropäische Staaten. Anfang 1983 war Grillmayer selbst in einen Skandal verwickelt: 308 Pistolen, sieben Scharfschützengewehre und Maschinenpistolen sowie 15.000 Schuss Munition waren am Grenzübergang Kleinhaugsdorf abgefangen worden. Grillmayer war einer der Hintermänner des Deals. Der Fall schlug solche Wellen, dass sich Innenminister Erwin Lanc bei einer Pressekonferenz dagegen verwahrte, „Österreich als einen Tummelplatz internationaler Waffenschieber“ hinzustellen.

Doch zurück zur Mordwaffe: Vom Typus her war die halbautomatische Browning für das Töten auf kurze Distanz eigentlich nicht geeignet – die damit verschossenen Vollmantel-Projektile hatten keine „mannstoppende Wirkung“. So war es dann auch am 13. Mai 1981 während der Generalaudienz auf dem Petersplatz. Agca legte über die Köpfe von Gläubigen hinweg auf den 61jährigen Papst an, als dieser in einem offenen, weißen Jeep vorbeigefahren wurde. Um 17.17 Uhr drückte Agca zwei Mal ab. Der Papst sackte in sich selbst zusammen – großkalibrige Projektile hätten ihn umgestoßen. Aus der Körperhaltung des Killers, die auf Film- und Fotoaufnahmen gut dokumentiert ist, haben Ballistiker geschlossen, dass Agca bewusst auf die Beine und den Unterleib des Pontifex gezielt hatte. Sprich: Der gut trainierte Killer schoss nicht, um zu töten, sondern um zu verwunden. Tatsächlich kämpften die Ärzte fast fünfeinhalb Stunden um das Leben von Johannes Paul II. Ein Geschoß hatte mehrere Dünndarmschlingen und einen Teil des Dickdarms zerfetzt und war danach neben der Wirbelsäule wieder ausgetreten. Lebenswichtige Organe waren aber verschont geblieben. Der Papst selbst erklärte sich seine Rettung so: „Eine Hand hat die Pistole gehalten, eine andere die Kugel gelenkt.“
In diesem "Papamobil" befand sich Johannes Paul II., als auf ihn geschossen wurde (Quelle: Wikimedia Commons/Jebulon)
Die Frage, wer die Hand des Schützen „gelenkt“ hat, ist auch nach mehr als drei Jahrzehnten offen. Denn so viel ist klar – Agca war ein Auftragstäter. Er gehörte zu den „grauen Wölfen“, der Vorfeldorganisation einer 1961 gegründeten rechtsextremen Partei. Ende der 1970er Jahre als sich die Konfrontation zwischen Rechts und Links in der Türkei zuspitze, waren die „grauen Wölfe“ in zahllose Morde verstrickt. So erschoss Agca 1979 einen regimekritischen Journalisten und entkam kurze Zeit später unter ungeklärten Umständen aus der Haft. Danach reiste er ins kommunistische Bulgarien ein und verbrachte dort angeblich 50 Tage. Dieser Aufenthalt wurde zum Ausgangspunkt der bis heute bekanntesten Theorie in Sachen Papstattentat: Nämlich, dass Agca vom Geheimdienst angeheuert wurde. Im Hintergrund habe der KGB die Fäden gezogen. Denn der stramm antikommunistische Johannes Paul II. unterstützte die Gewerkschaft Solidarność in seinem Heimatland Polen und galt deshalb als ernste Bedrohung. Agca selbst nannte 1982 Namen angeblicher bulgarischer Hintermänner. Aber der Prozess gegen sie endete 1986 in Freisprüchen aus Mangel an Beweisen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die „bulgarische Spur“ längst ein Eigenleben angenommen. Vor allem die Reagan-Administration propagandierte sie als Beleg dafür, dass Moskau die Quelle allen Übels sei. Heute ist die Spur „verblasst“, wie der ehemalige Untersuchungsrichter Rosario Priore meint. Und selbst der Pontifex bekundete bei einem Besuch in Sofia 2000, „niemals“ daran geglaubt zu haben.

Bleibt die „interne Spur“: Folgt man den Vertretern dieser These, so wollten innerkirchliche Gegner den Hardliner Johannes Paul II. stoppen. 2010 goss der notorische Selbstdarsteller Agca, der 19 abweichende Versionen zu seinen Hintermännern aufgetischt hat, auch hier Öl ins Feuer: Er bezichtigte den verstorbenen Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli der Kopf der Verschwörer gewesen zu sein. Wirklich auf den Grund gegangen ist man der „internen Spur“ nie – zu oft wurden Fragen der Ermittler mit dem Hinweis auf Souveränität des Vatikans abgeblockt.

Und schließlich ist da noch eine dritte Spur zu einem üblichen Verdächtigen: Der Mafia. Demnach wurde der Papst „bestraft“, weil Gelder des organisierten Verbrechens beim Zusammenbruch der Banco Ambrosiana verloren gegangen waren. Zuvor hatte dieses Mailänder Geldhaus gemeinsam mit der Vatikanbank eine undurchsichtige Rolle bei der Finanzierung der Solidarność gespielt. Auch in diesem Fall fehlen eindeutige Beweise. Wer auch immer das Attentat bestellte, es war letztlich ein Fehlschlag: Johannes Paul II. erholte sich schnell. Seine Entschlossenheit wurde durch die Überzeugung, mit himmlischem Beistand überlebt zu haben, erst recht angestachelt.

Und Otto Tinter? Das kleine Rädchen im „Verbrechen des Jahrhunderts“ wurde im Mai 1983 wegen seines umfangreichen privaten Waffenarsenals zu fünf Monaten bedingt verurteilt. Im Jahr darauf hagelte es noch eine saftige Geldstrafe wegen Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung. Antworten blieb Tinter bis zuletzt schuldig: „Ich bin 73 und zu 80 Prozent invalid. Ich kann mich nicht an alles erinnern.“

Hinweis: Geringfügig gekürzte Version ist am 22. Juni in der Presse am Sonntag erschienen.

Sonntag, 1. Mai 2016

Das „heiße Jahr“ 1961: Als sich der rechte Terror in Österreich zurückmeldete

Vor 55 Jahren erschütterte eine Welle von rechtsextremen Anschlägen Österreich. Nur durch Zufall gab es keine Opfer zu beklagen. Dafür wurden einige der symbolträchtigsten Institutionen der jungen Nachkriegsdemokratie getroffen: Mehrmals die Rückfront Parlaments und das Republikdenkmal. Zu den Zielen zählten auch ausländische Vertretungen. Hauptbezugspunkt der Attentäter war der Südtirolkonflikt – aber ihre mehrmonatige Kampagne zielte auch auf die Grundfesten der 2. Republik.

Es ist Sonntagabend, 30. April 1961: Um 22.45 Uhr erschüttert eine Detonation den Schmerlingplatz zwischen Parlament und Palais Epstein. An der Rückseite des Republikdenkmals ist ein Sprengsatz explodiert. Trümmer des Schaltkastens, von dem aus die Scheinwerfer bei einer Festbeleuchtung des Denkmals mit Strom versorgt werden, werden bis zu 50 Meter weit weggeschleudert. Fensterscheiben und zwei Oberlichten im Parlament gehen zu Bruch. Das Republikdenkmal trägt nur geringe Schäden davon. Dass es keine Toten oder Verletzten gab, ist dem Zufall geschuldet: Der traditionelle Fackelzug am Vorabend des 1. Mai war wegen Regens abgesagt worden – die Route der Kundgebung hätte am Explosionsherd vorbeigeführt.
Schäden am Republikdenkmal (re.) - Quelle: www.arbeiterzeitung.at
Drei Tage später tagt der Ministerrat: Innenminister Josef Afritsch (SPÖ) informiert die Bundesregierung: „Wir haben erfahren, dass bei der ganzen Bevölkerung größte Erregung besteht über diese Explosion. Wir werden alles unternehmen, den Täter greifbar zu machen. Immerhin war in den letzten Jahren Ruhe, und wir müssen das mit Bedauern zur Kenntnis nehmen.“ Bundeskanzler Alois Gorbach (ÖVP) meint: „Hoffentlich gelingt es möglichst bald, der Täter habhaft zu werden.“ An dieser Stelle wirft Vizekanzler Bruno Pittermann (SPÖ) eine Vermutung bezüglich des Tathintergrunds ein: „Es wird mit den Anschlägen in Südtirol in Zusammenhang gebracht.“
Das Republikdenkmal heute (alle Fotos:  Autor)
Im Schatten des Südtirolkonflikts
55 Jahre danach ist der Anschlag auf das Republikdenkmal ungeklärt geblieben – aber Pittermann dürfte wohl richtig gelegen sein. Der damals virulente Südtirolkonflikt hatte einen Schatten auf die innenpolitische Lage in Österreich geworfen: Der Ende der 1950er Jahre gegründete „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) hatte sich der Forderung nach Selbstbestimmung verschrieben. Um die Öffentlichkeit auf die Probleme der deutschsprachigen Minderheit in Italien aufmerksam zu machen, beging der BAS Anfang 1961 erste „demonstrative“ Bombenanschläge in Südtirol gegen Rohbauten und Denkmäler. Schon bald steigerte sich die Aktivität. In der „Feuernacht“ vom 11. auf den 12. Juni 1961 wurden alleine 37 Strommasten gesprengt. Daraufhin wurden 24.000 Soldaten und 10.000 Carabinieri nach Südtirol verlegt. Es kam zu Massenverhaftungen und Folterungen von BAS-Leuten.

In Österreich stieß diese Entwicklung auf großes Echo: Vor allem auf deutschnationaler und rechtsextremer Seite wurde der „Freiheitskampf“ in Südtirol zum cause célèbre. Und hier war nicht nur der italienische Zentralstaat ein Feind, sondern auch die eigene Regierung, die man mit Gewalt zu mehr Engagement nötigen wollte. Darüber hinaus war Südtirol war ein passende Aufhänger für die Propagandierung eigener Inhalte und bündelte generelle Unzufriedenheit mit den Verhältnissen: Denn gerade Anfang der 1960er Jahre kam es in Österreich zu Prozessen gegen NS-Täter. Auf internationaler Ebene weckte das Verfahren gegen Adolf Eichmann große Aufmerksamkeit (11. April – 15 Dezember 1961). Weiters gab tiefsitzende Ressentiments wegen der als unrechtmäßig empfundenen „Entnazifierung“ Ende der 1940er Jahre. Gegenläufige Tendenzen – wie die Rehabilitierungen von „Ehemaligen“ in den 1950er Jahren – wurden dagegen ausgeblendet. Die noch ungefestigte österreichische Identität bei gleichzeitiger Tabuisierung der NS-Vergangenheit wirkte überhaupt tief in die Gesellschaft hinein.

Gerd Honsiks „Werwölfe“
Der Anschlag auf das Republikdenkmal war insofern nur der Auftakt für eine mehrmonatige Terrorkampagne, die von verschiedenen Akteuren vorangetrieben wurde. Die meisten Aktionen gingen auf das Konto des „Werwolf“ – einer Kleingruppe um den damals 20jährigen Gerd Honsik. Bis heute ist er eine der zentralen Führungspersonen der Neonazi-Szene und verurteilter Holocaust-Leugner. 1961 war Honsik ein Schulabbrecher aus zerrütteten Verhältnissen: Der Vater war 1944 in Italien gefallen – angeblich wurde der Mutter die Witwen- und Waisenrente versagt. „Seit dieser Zeit besteht in mir der Hass gegen diese derzeitige österreichische Marionettenregierung“, bekundete Honsik gegenüber der Staatspolizei. Sein ganzes Bestreben, sei darauf gerichtet gewesen, „das bestehende österreichische Staatsgefüge mit meinen, wenn auch bescheidenen Kräften zu vernichten zu trachten“. Laut Aussage eines Mitbeteiligten sprach Honsik immer wieder davon, „irgendwelche Aktionen“ zu unternehmen, „um die österreichischen Politiker zu zwingen, in der Außenpolitik einen härteren Kurs [gegenüber Italien] einzuschlagen und auch vor Gewalttaten nicht zurückzuschrecken“.

Neben Günther Pfeifer, Rainer Burghardt und Peter Melzer war noch ein weiteres notorisch bekanntes Mitglied der rechtsextremen Szene involviert: Der 1941 geborene Günther Kümel hatte ähnlich wie Honsik früh seinen Vater verloren. Die „sehr national“ eingestellte Mutter dekorierte sogar den Weihnachtsbaum mit Bäckerei in Runenform. Kümel war ab 1956/57 Mitglied im „Bund Heimattreuer Jugend“ und wechselte nach dessen Auflösung zum „Ring Freiheitlicher Jugend“. 1961 inskribierte er an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät. Vier Jahre später, am 31. März 1965, schlug Kümel dann während der Demonstration gegen den deutschnationalen Hochschulprofessor Taras Borodajkweycz den Antifaschisten Ernst Kirchweger nieder. Dieser starb an den Verletzungen – das erste politische Todesopfer der Zweiten Republik. Kümel zog es danach vor, im Ausland unterzutauchen – allerdings taucht sein Name seit 2000 wieder in einschlägigen Foren auf.

1961 unternahmen Honsiks „Werwölfe“ fast ein halbes Jahr lang kleinere Sprengstoff- und Schussattentate gegen symbolisch wichtige Einrichtungen: Mehrmals wurden selbstgefertigte Sprengkörper zur Detonation gebracht – und zwar vor der italienischen Botschaft (28. Mai), vor dem Büro der Fluggesellschaft Alitalia (25. Juli), vor dem Parlament (in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli), vor der US-amerikanischen Botschaft (17. August) und der Rückfront des Parlamentsgebäudes (ebenfalls 17. August). Weiters wurden am 8. Oktober bzw. in der Nacht vom 27. auf den 28. November auf die Fassade der italienischen Botschaft sowie erneut auf die Parlaments-Rückfront mehrere Revolver- und Pistolenschüsse abgegeben. Einer der Täter hatte jeweils aus dem fahrenden Auto gefeuert.
Die betroffene Rückfront des Parlaments in der Reichsratsstraße
Diese Taktik hatte man sich offenbar von der Organisation de l’armée secrète (OAS) abgeschaut. 1961/62 kämpfte diese für ein französisches Algerien – unter anderem verbreiteten die Delta Kommandos der OAS Terror, indem sie aus Autos völlig wahllos das Feuer auf arabische Passanten eröffneten. Die Ereignisse in Wien verliefen dagegen unblutig und entbehrten nicht einer gewissen Komik – wie aus Schilderungen Honsiks bei einer Einvernahme hervorgeht. So heißt es beispielsweise zum Attentat am 8. Oktober 1961: „Wir fuhren mit meinem Wagen in die Magazinstraße und starb mir der Motor dort ab. Da der Wagen trotz Anschieben nicht ansprang, ließen wir ihn vorerst in der Magazinstraße stehen und gingen zu dem Würstelmann auf dem Rennweg, wo wir uns ‚Heiße‘ kauften. Nach einer Weile gingen wir wieder zum Wagen und setzten uns hin. […] Es gelang uns, den Wagen anzuschieben und sprang der Motor an. […] Während ich bei der Botschaft vorbeifuhr, gab mein Bekannter glaublich fünf Schüsse ab.“ Ein anderes Mal hielt Honsik ein Sprengstoffpaket mit brennender Lunte „zu lange“ fest. Die Folge waren Schmauchspuren im Gesicht und Brandwunden an der Hand und am rechten Fuß. Und im Falle des Alitalia-Anschlags sollte die Zünd-Flamme nicht ausreichen, um die Pappkartonwand des Sprengkörpers zu durchbrennen.
Die Alitalia befindet sich heute noch am Kärntner Ring
„Regierung durch Waffengewalt zurückzwingen“
Mehrmals wurden an den Tatorten Plakate mit Parolen zurückgelassen – vor der italienischen Botschaft wurde zum Beispiel ein mit Blockbuchstaben beschriebener Packpapierbogen gefunden: „Wir brauchen keine Regierung, die ihre Zeit damit totschlägt, sich vom Freiheitskampf in Südtirol zu distanzieren. […] Selbstbestimmung ist für das deutsche Volk gerade genug. Jetzt erst recht.“ Die jungen Rechtsterroristen versuchten auch bewusst, die Medien für ihre Sache einzuspannen. Einmal verständigten sie einen Redakteur der Zeitung „Express“ von der Hinterlegung eines Sprengkörpers, woraufhin sich dieser samt Fotograf rechtzeitig am Tatort einfand. Außerdem schaltete sich Honsik am 22. Dezember 1961 persönlich in die lebhafte öffentliche Debatte ein, indem er ein mit „Der Werwolf“ gezeichnetes Schreiben an den damaligen Kurier-Chefredakteur Hugo Portisch schickte. Unter anderem stand darin herausfordernd zu lesen: „Ich, der ich für sieben der in der letzten Zeit verübten gewaltsamen Demonstrationsakte verantwortlich bin, erkläre, dass ich bereit bin, mich der Staatspolizei zu stellen. Ich, der ich bekenne, in mühevoller, gefährlicher Arbeit eine bewaffnete Organisation aufgebaut zu haben mit dem Ziel die österreichische Regierung durch Waffengewalt auf den Weg der unverfälschten Demokratie zurückzuzwingen, den sie noch nie beschritten hat, bin bereit, dieses Bekenntnis vor jedem beliebigen Forum zu wiederholen.“

Honsik sollte zu einem solchen Schritt keine Gelegenheit mehr haben: Der Staatspolizei war schließlich der entscheidende Durchbruch gelungen. Und zwar hatten die Attentäter nach der Schussabgabe beim Parlament einen Karton mit der Aufschrift: „Die deutschen Burschenschaften werden kämpfen!“ liegengelassen. Daran war ein Couleurband der „Markomannia“ aufgeklebt gewesen. Der Hersteller konnte ausfindig gemacht, und diese Spur führte schließlich Ende Dezember 1961 zur Festnahme von Honsik und seiner Mittäter. Am 30. Mai 1962 wurden die Urteile gefällt: Honsik erhielt eine vierjährige Haftstrafe, sein „Adjutant“ Melzer kassierte zwei Jahre. Kümel und Burghardt wurden zu je 10 Monaten Arrest verurteilt, Pfeiffer zu sechs Monaten.
Die Fassade der italienischen Botschaft am Rennweg wurde beschossen
„Methoden der illegalen Nazis“
Der Staatsanwalt hatte zuvor gemahnt, die Taten würden an die „Methoden der illegalen Nazibewegung vor dem Jahre 1938“ erinnern. Und zwar war zwischen 1933 und 1938 mit Terroranschlägen ein Klima der Unsicherheit erzeugt worden, um so die braune Machtübernahme in Österreich vorzubereiten. Das Jahr 1961 dagegen war zumindest unblutig verlaufen – aber die Attentate versetzten die Zweite Republik gehörig in Unruhe. Ein Teil des Meinungsspektrums konstatierte infolge der Ereignisse: „Der nazistische Ungeist, […], ist also keineswegs überwunden und vergessen; noch immer sind faschistische Übeltäter am Werk, und nur die Polizei hindert sie daran, statt gegen die Toten weiter gegen die Lebenden vorzugehen“ („Arbeiter-Zeitung“, 25. November 1961). Andererseits wurden die Anschläge auch gerne als Taten von „Nazilausbuben“ bagatellisiert. Nach der Verhaftung von Honsik und seines Anhangs war beispielsweise in der „Kronen Zeitung“ zu lesen: „Wie sich nun zeigt, hat die Affäre keine echten politischen Akzente. Es handelt sich lediglich um die Aktionen krankhaft geltungsbedürftiger junger Leute.“ Das Hin- und Her bewog sogar den Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Oswald Peterlunger, sich einzuschalten. Er sei der Ansicht, „dass in diesem Zusammenhange nicht mehr von Lausbubenstreichen gesprochen werden kann und darf“. Gleichzeitig solle aus „vereinzelten Handlungen“ keine „Hysterie“ erzeugt werden. Die Exekutive habe bewiesen, „mit subversiven Elementen oder Vereinigungen fertig zu werden“: So verwerflich die Taten einzelner seien, so könne von einer „ernsten Gefahr seitens faschistischer Elemente“ nicht gesprochen werden: „Österreich ist seit 1945 eines der ruhigsten und innenpolitisch ausgeglichendsten Länder in Europa.“ Und: „Wenn es den politischen Parteien seit dem Jahre 1945 zum Teile nicht gelungen ist, die Jugend, die immerhin schwerste Erlebnisse hinter sich hat, richtig anzusprechen, so geht dies nicht auf Konto der Polizei und Sicherheitsbehörden.“

Wie bereits erwähnt, ereigneten sich abgesehen von den Anschlägen der Honsik-Gruppe im „heißen Jahr“ 1961 noch zahlreiche weitere rechtsterroristische Taten in Wien: Die Explosion eines Böllers an der Einfahrt zur Rathausgarage (28. Mai) sowie einer Brandbombe vor einem italienischen Eissalon in der Alserstraße (13. September), die Detonation eines Sprengkörpers unter dem geparkten Auto eines Scala-Tenors auf Gastspiel in Wien (ebenfalls 13. September) sowie ein missglückter Molotow-Cocktail-Anschlag auf die Wohnung eines Staatsanwalts (20. November).

Neonazis intervenieren in Südtirol
Darüber hinaus intervenierten österreichische und deutsche Neofaschisten direkt im Südtirolkonflikt: Angestiftet vom Innsbrucker Universitätsdozenten Norbert Burger unternahmen im September 1961 vier österreichische und drei deutsche Studenten in mehreren italienischen Städten Anschläge mit Molotow-Cocktails. Eine weitere Gruppe beschädigte einen Strommast und beschoss einen Militärposten im Passeiertal. In der Wiener Bundesregierung läuteten deswegen die Alarmglocken. In der Sitzung des Ministerrats vom 12. September 1961 mahnte Außenminister Bruno Kreisky (SPÖ): „Ich bin überzeugt, dass der Radikalismus nicht nachlassen wird, wenn die Verhandlungen wieder evasiv geführt werden, wird er wieder wachsen. Die Nachrichten sagen, dass die Verhörmethoden sich sehr verschärft haben. […] Die Täte der letzten Terrorakte sind zum Teil aus Österreich gekommen. […] In Südtirol ist es ein öffentliches Geheimnis, dass eine Schießerei in Passei von einer Gruppe durchgeführt wurde, die sich nach Österreich zurückgezogen hat; natürlich sind alle Gruppen in der Sache verwickelt. Ehemalige Nazi, Kommunisten und alle, die Unruhe haben wollen.“

Brisanterweise waren die Burger-Leute Ende 1959 von einem Ex-Untergebenen des Befehlshabers der SS-Spezialverbände, Otto Skorzeny, im Zillertal in der Handhabung von Sprengstoff ausgebildet worden. Skorzeny befand sich bis zum seinem Tod 1975 im franquistischen Spanien und war eine Anlaufstelle für Rechtsextremisten, darunter auch für Burger. Justizminister Christian Broda (SPÖ) klärte den Ministerrat auf: „Die Verbindungen von Burger gehen bis zu Skorzeny in Madrid. […] Skorzeny hat dann Burger weitergewiesen zu deutschen oder belgischen Quellen von Sprengstoffmaterial. Darüber haben die deutschen Behörden seit Monaten Kenntnis gehabt. Uns haben sie im August in Kenntnis gesetzt. Jetzt bekommen wir Niederschriften, die aus dem April stammen.“ Als Konsequenz wurde im Dezember 1961 die Burschenschaft „Olympia“, der Burger und einige der verhafteten Attentäter angehört hatten, vom Innenministerium aufgelöst (1973 sollte sich die Verbindung neu konstituieren). Burger floh zwischenzeitlich in die BRD und wurde 1967 gemeinsam mit 14 weiteren Angeklagten von einem Linzer Geschworenengericht freigesprochen. Ein Jahr später fasste er dann doch acht Monate aus. Man setzte ihn prompt auf freien Fuß, weil er die Strafe in der Untersuchungshaft bereits verbüßt hatte.

Neue Betätigungsfelder
In Südtirol hatte sich die Gewalt im Verlauf der 1960er gesteigert: Zwischen 1961 und 1967 starben 15 italienische Militärs, Polizisten und Zöllner. Weiters kamen zwei Zivilisten sowie vier Aktivisten ums Leben. In Österreich kam es im Gegenzug 1961 (Sprengung des Andreas Hofer-Denkmals in Innsbruck) und 1963 (zwei Bombenattentate in Ebensee) zu Vergeltungsschlägen italienischer Neofaschisten. Ebenso wenig zu Ende war der Terror einheimischer Extremisten: Um 04.51 Uhr früh am 20. August 1966, vor 50 Jahren, detonierte eine 10kg-Bombe vor dem Alitalia-Büro am Kärntner Ring, das schon 1961 ein Ziel gewesen war. Das Geschäftsportal wurde zertrümmert. Die Druckwelle riss die Fensterstühle der umliegenden Häuser heraus und richtete noch in der tiefer gelegenen Opernpassage Verwüstungen an. Nur durch Zufall gab es keine Opfer zu beklagen – zum Zeitpunkt der Explosion war ein starker Gewitterregen niedergegangen, der Passanten anderswo zum Unterstellen zwang. Schon bald wurden die Täter ausgeforscht: Hannes Falk und Emanuel Kubart. Nach Aussage des letzteren wollten sie mit dem Anschlag gegen damals laufende Geheimverhandlungen zwischen Österreich und Italien protestieren.

Nachdem der Südtirolkonflikt 1969 schließlich auf diplomatischen Weg entschärft werden konnte, suchte sich der Rechtsextremismus neue Betätigungsfelder: Burger gründete 1967 die Nationaldemokratische Partei (NDP), um die sich zahlreiche Klein- und Wehrsportgruppen scharrten. In den 1980er Jahren waren Exponenten aus diesem Umfeld in eine Serie antisemitisch motivierter Bombenanschläge verwickelt. In den 1990er Jahren folgten dann der Briefbombenterror und das Attentat in Oberwart (1995) – mit vier Todesopfern bis heute der blutigste rechtsterroristische Anschlag in der Geschichte der 2. Republik. Hier dürfte mit Franz Fuchs ein Einzeltäter am Werk gewesen sein. Auch heute sendet die Szene deutliche Lebenszeichen aus: So wurde 2013 in Oberösterreich ein kriminelles Neonazi-Netzwerk zerschlagen („Objekt 21“). Zuletzt ist die Zahl der rechtsextrem und rassistisch motivierten Straftaten stark gestiegen. 2015 wurden insgesamt wurden 1.156 Fälle registriert, 54 Prozent mehr als noch im Vorjahr.