Sonntag, 22. März 2015

Österreichs kalte Krieger: „Es gibt gewisse Dinge, über die redet man nicht. Auch nachher nicht“

Die CIA installierte ab Ende der 1940er Jahre in Österreich ein Widerstandnetz gegen die Rote Armee in Österreich – unter tatkräftiger Mithilfe heimischer Politiker, Gewerkschafter und Wehrmachtsveteranen.

Das kürzlich groß gefeierte Jubiläum der friedlichen „Wende“ von 1989 sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kalte Krieg eine spannungsgeladene Zeit war. Vor allem die Anfangsphase war eine „heiße“ Phase: Ende der 1940er Jahre hatten Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei übernommen und Stalin blockierte den Zugang zu West-Berlin. Zwischen 1950 und 1953 wütete der Koreakrieg. Nirgendwo fühlte man diese Erschütterungen stärker als im militärisch besetzten Nachkriegsösterreich, wo die Machtblöcke unmittelbar auf einander trafen. Hier befürchtete man eine Teilung des Landes ebenso wie einen Putsch der KPÖ. Überhaupt schien eine Invasion der Roten Armee unmittelbar bevorzustehen. Die Alliierten rechneten sich für diesen Fall keine Chance aus, Westeuropa wirksam zu verteidigen. So wollte man sich zunächst zurückziehen, um dann den Gegenschlag zu starten. Bis es soweit war, würden Guerilla- und Partisaneneinheiten im Rücken der Front aktiv werden. Diese sollten entweder zurückbleiben („stay behind“) oder später einsickern. Ihr Auftrag: Aufklärung, Sabotage und Angriffe aus dem Hinterhalt.

Mehrere Tonnen Sprengstoff
Die CIA, selbst erst 1947 gegründet, überwachte den Aufbau dieser Spezial- und Guerillaeinheiten in Westeuropa – sowohl in den NATO-Staaten als auch in neutralen Ländern wie Finnland, Schweden und der Schweiz. In Italien trug die Struktur den Decknamen „Gladio“, was seither zum geflügelten Wort für Staatsterror geworden ist. Denn die Einheit sollte auch gegen den „inneren Feind“, die starke kommunistische Partei, mobilisiert worden sein. So wurde bei einem Bombenattentat 1972 Sprengstoff aus einem „Gladio“-Depot verwendet.

Und Österreich? 1996 wurden nach Information durch die USA 79 Waffenlager lokalisiert. Darin fanden sich mehrere Tonnen Sprengstoff, Landescheinwerfer, Schalldämpferpistolen und Jagdmesser – aber auch deutschsprachige Anleitungen für den Guerillakrieg. „Das lässt darauf schließen, dass die Lager – zumindest auch – für österreichische ‚Widerstandskämpfer‘ angelegt worden waren. Zur Unterstützung eines Guerillakrieges mit eventueller Unterstützung aus der Luft (Nachschub von Waffen und Ausrüstung)“, heißt es im Bericht einer eigens eingerichteten Regierungskommission. Angelegt wurden die Lager zwischen 1949 und 1954. Genauer ließ sich die Funktion sowie eine mögliche österreichische Beteiligung damals nicht bestimmen.

Operation Iceberg
Es gibt aber noch andere Quellen: 2006 erschien „My Father, the Spy“ – ein sehr persönliches Buch des Autors John F. Richardson über seinen Vater „Jocko“, der Ende der 1940er Jahre CIA-Stationschef in Wien war. Darin ist auch Rede davon, dass die CIA österreichische Funker rekrutierte und Funkgeräte an ausgewählten Punkten im Wienerwald vergraben ließ. Selbst Kleidung wurde für den Ernstfall vorbereitet: Bergstiefel, Rucksäcke und „Dirndl“ für die Frauen. Neue Dokumente, die im Rahmen des War Crimes Disclosure Act freigegeben wurden, beziehen sich auf dieses Unternehmen, das nun beim offiziellen Namen genannt werden kann: Operation Iceberg. Ziel war es, Funker auszusuchen, diese zu trainieren und dann gemeinsam mit anderen stay behind-Kärften an strategisch wichtigen Plätzen in Ost-Österreich (in Wien und der sowjetisch besetzten Zone) zu platzieren. Aktiv werden sollten sie erst nach Ausbruch von Kampfhandlungen bzw. nachdem sie die Front „überrollt“ hatte. Dann sollten die Agenten in die versteckten Funkgeräte bergen, um damit Informationen durchzugeben – bezüglich „militärischer, politischer und wirtschaftlicher Ziele“. Was sie nicht tun sollten, war, sich an Sabotage- oder Widerstandsakten zu beteiligen.

Augen und Ohren der Alliierten im Kriegsfall
Anfang der 1950er Jahre zählten zu Operation Iceberg insgesamt sechs österreichische Funker, die ihre Ausbildung Großteils abgeschlossen hatten und instruiert waren. Wie aus einem CIA-Dokument von 1953 hervorgeht, erwartete man von ihnen im Kriegsfall das Beschaffen/Durchgeben von Informationen – bezüglich von Truppen- und Materialbewegungen, Maßnahmen der Besatzungsbehörden sowie Aufklärung von Bombenschäden in Wien und Wiener Neustadt. Die sechs Agenten für „Operation Iceberg“ waren fast durchwegs Wehrmachtsveteranen und von daher mit der Handhabung eines Funkgeräts vertraut. Vom Alter her waren sie bunt gemischt, der älteste 46 und der jüngste 23 Jahre alt. Einer der Funker war Tierarzt in einem Dorf südwestlich von Wien – für die CIA war das perfekt als zivile Tarnung geeignet. Aufgrund seiner Erfahrung als Funker bei der Heeresgruppe Süd war der frühere Unteroffizier nach Meinung seiner Betreuer allerdings nicht leicht unter Kontrolle zu halten. Ein weiterer Agent, ein damals 32jähriger Elektriker und KPÖ-Funktionär, sollte vor allem das Personal, die Organisation und die Vorhaben der Kommunisten aufklären. Seine Homosexualität wurde jedoch als potentielles Sicherheitsrisiko angesehen, weil der Agent dadurch „erpressbar“ sei. Ein stiller, introvertierter Typ wiederum war der 26jährige Medizinstudent, den man für Operation Iceberg rekrutiert hatte: Streng katholische Erziehung und „bürgerliche Moral“ hatten ihn zu einem überzeugten Antikommunisten gemacht. Die übrigen drei Agenten waren ein technischer Zeichner, ein Betriebsaufseher und passenderweise ein Verkäufer von Radioapparaten. Falls die Rote Armee tatsächlich nach Westen vorgestoßen wäre, wären diese Freiwilligen quasi die „Augen“ und „Ohren“ der Alliierten gewesen. Alleine schon dadurch, dass sie sich mit der CIA einließen, riskierten sie viel.

Unterstützung durch SS-Geheimdienstoffizier Höttl
Aus den umfangreichen Unterlagen zu „Operation Iceberg“ geht hervor, dass die CIA große Schwierigkeiten hatte, geeignetes Personal zu finden. Vielleicht war auch das der Grund, dass man offenbar auf einen alten Bekannten zurückgriff: Wilhelm Höttl, Schulgründer in Bad Aussee und vormals SS-Geheimdienstoffizier. Er steht wie kein anderer für die unheilige Allianz zwischen westlichen Diensten und Ex-Nazis im Zeichen des Kampfes gegen den Kommunismus. Schon 1948/49 installierten für das CIC, den Geheimdienst der US-Armee, zwei Spionage-Netzwerke. Unter anderem wurde eine Gruppe ungarischer Emigranten im Toten Gebirge im Partisanenkampf gedrillt. 1996 gab Hött an, dass er auch Funker für das stay behind-Programm vermittelt hatte: „Da sollte also nur der Kontakt hergestellt werden mit verlässlichen Patrioten, österreichischen, die dann auch tatsächlich gegen die Besatzungsmacht gearbeitet hätten.“

Codename GRCROOND
In Westösterreich – Salzburg und Tirol – zog die CIA noch ein viel breiter dimensioniertes stay behind-Netz hoch. Alle Aktivitäten liefen unter der sperrigen Bezeichnung GRCROOND. Es ging darum, Waffen- und Ausrüstungslager anzulegen sowie passendes Personal zu rekrutieren – damit die geheimen Strukturen im Ernstfall jederzeit einsatzbereit gewesen wären. Auch wollte man eine „Flucht- und Evakuierungsroute“ von Ost- nach Westösterreich anlegen, deren Zubringer bis an die ungarische sowie tschechische Grenze heranreichten. VIPs, aber auch abgeschossene Piloten, Agenten oder Überläufer sollten so in Sicherheit gebracht werden.

Aus einer Auflistung von 1957 geht hervor, wie viele geheime Waffen- und Ausrüstungslager angelegt wurden: 12 (1951), 14 (1952), 3 (1953) und 35 (1954). Die Depots wurden teils in alpinen Geländen – am Hochschwab, im Sengsengebirge, am Pötschen- und Phyrnpass angelegt – und darüber hinaus unter anderem in der Nähe von Lambach, Ried im Innkreis, am Traun- und Attersee, Bad Hofgastein und südlich von Steyr. Ein Vergleich mit einer Auflistung jener Waffendepots, die 1996 vom Bundesheer geräumt wurden, zeigt zahlreiche Übereinstimmungen. Damals hatte sich gezeigt, dass die Waffen und Sprengmittel „ungewöhnlich tief“ vergraben gewesen waren – so tief, dass es bei Schneelage und Frost kaum möglich gewesen werde, diese händisch zu bergen. „Dies spricht gegen eine sorgfältige Planung bzw. Durchführung der Aktion“, schloss der Untersuchungsbericht.

Ein Status-Report von Ende 1958 listet insgesamt 18 verschiedene GRCROOND-Agenten auf. Der jüngste war 30, der älteste 59 Jahre alt. Es handelte sich um eine bunt gemischte Truppe: Zwei Ski-Lehrer, ein Arzt, ein Automobilhändler, ein Assistent eines Rechtsprofessors, ein Englisch-Lehrer, ein Chauffeur, ein Handelsreisender, ein Verkäufer, ein Elektriker, ein Handelschul-Lehrer, ein Lagerverwalter, zwei Beamte, ein Vorarbeiter sowie drei lokale ÖVP-Politiker. Vor allem letztere waren für die CIA interessant: Der damals 40jährige Agent „GRREPAIR-7“ beispielsweise war Gemeindesekretär, Vorsitzender des örtlichen Veteranenverbands und Versicherungsvertreter. Im Falle einer kommunistischen Machtübernahme würde man ihn wahrscheinlich als „Volksfeind“ politisch entmachten und verhaften, erwartete die CIA. Im Kriegsfalle sollte er so schnell als möglich all jene rekrutieren, die ihm für eine Verwendung tauglich erschienen. Anschließend würde es darum gehen, Luftnachschub oder abgesetzte Spezialkommandos in Empfang zu nehmen. Vor allem aber würden der Agent und seine Truppe auf genaue Anweisungen warten – und sofern befohlen – auch Sabotageakte durchführen.

„Widerstandsgruppen aufgebaut“
Am undurchsichtigsten in all diesen geheimdienstlichen Manövern und Planspielen ist die Rolle der österreichischen Politik: Als 1996 die US-Waffenlager bekannt wurden, meldete sich ein Zeitzeuge zu Wort – der 2014 verstorbene Widerstandskämpfer und Verleger, Fritz Molden. Als Sekretär von Außenminister Karl Gruber war er damals in die Vorgänge eingeweiht. Molden zufolge wurde bereits 1946 „im engsten Kreis“ besprochen worden, was für den Fall der Errichtung des Eisernen Vorhangs innerhalb Österreichs zu tun sei. Fast ein Jahr habe es dann gedauert, bis die Alliierten davon überzeugt werden konnten, dass es notwendig wäre, für diesen Fall auch Waffenlager anzulegen. So sei man daran gegangen, „Widerstandsgruppen“ aufzubauen – in Ministerien, Gewerkschaften und Wirtschaft.

Konkret entstand im Gewerkschaftsapparat Anfang der 1950er Jahre eine „systematische Abwehrorganisation“. Vorangetrieben wurde dieses „Sonderprojekt“ von dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Bau- und Holzarbeiter und späteren Innenminister Franz Olah (1910-2009). Dieser war im Oktober 1950 an der Auflösung einer Streikbewegung gegen das 4. Lohn- und Preisabkommen beteiligt gewesen. Die Ereignisse waren von der SPÖ-ÖVP-Regierung als Putschversuch der KPÖ interpretiert worden. Um für den „Fall einer neuerlichen Machtprobe mit den Kommunisten“ gerüstet zu sein, wurde laut Olah mit dem Aufbau einer „systematischen Abwehrorganisation“ begonnen. Dieses „Sonderprojekt“ lief zwecks Tarnung unter einem eigens gegründeten Verein namens Österreichsicher Wander-, Sport- und Geselligkeitsverein (ÖWSGV), über den Fahrzeuge und Räumlichkeiten angemietet wurden.

Gar nicht harmlos: Der Österreichsiche Wander-, Sport- und Geselligkeitsverein
Zentrales Element war auch hier der Aufbau eines Funk-Netzes zur Koordination. Spezialgruppen wurden aber auch in der Handhabung von Schusswaffen, Plastiksprengstoff und Selbstverteidigung ausgebildet. In der Wiener Liebhartsgasse befand sich ein Depot mit italienischen Karabinern, Pistolen, Tränengasbomben, Feldstechern. Weitere „zwei oder drei“ große Waffenlager wurden im Westen, außerhalb der sowjetischen Zone eingerichtet. Eines davon dürfte 1996 lokalisiert worden sein – in Weichselboden/Höll nahe Mariazell. Es war das umfangreichste der geräumten Depots.

Als Olah 1969 vor Gericht gefragt wurde, woher die Angehörigen des „Sonderprojekts“ ihre Kenntnisse hatten, antwortete er: „Sie waren im Krieg. Aber ihre Kenntnisse wurden von Fachleute in Ausbildungslagern aufgefrischt, sie wurden ja eigens geschult.“ Die Finanzierung (einer Aussage zufolge zwischen acht und zehn Millionen Schilling) wurde höchstwahrscheinlich über die CIA bzw. die antikommunistische American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations (AFL-CIO) bereitgestellt. Insgesamt, so Olah später, seien „wohl ein paar tausend Österreicher mit unseren Vorbereitungen in Kontakt gekommen“. Der eigentliche Apparat bestand jedoch nur aus ein paar Dutzend Leuten, „meist Gewerkschafts- oder SPÖ-Funktionäre aus den Bundesländern; einige von ihnen sind später Mandatare geworden“. Einen Vergleich mit dem republikanischen Schutzbund der Zwischenkriegszeit ließ Olah nicht gelten: „Nein, nein! Das einzige was geprobt worden ist und geübt worden ist, war der Funk. Für den haben wir die Leute geschult. Wir haben sie auch für den Waffengebrauch eingeschult. Sagen wir, für den ersten Schreck. Zur Verteidigung vielleicht von wichtigen Gebäuden, Amtsgebäuden, Gewerkschaftsgebäuden, Regierungsgebäuden usw. Wo die Exekutive sagen wir, nicht hätte eingreifen können.“

Franz Olah – Agent „GRDAGGER 1“
1953 hatte die CIA das stay behind-Programm evaluiert und war zum Schluss gekommen, dass man den Fokus von „Gruppen“-Operationen weg auf einzelne „Hauptagenten“ verschieben müsse. Diese sollten gut ausgewählt und zu Agentenführern ausgebildet werden. Sobald die Invasion der Roten Armee erfolgt sei, würden diese dann Sabotage-Teams, Guerilla- und Nachrichteneinheiten sowie Flucht- und Evakuierungsnetze organisieren. Einer dieser „Hauptagenten“ war Olah, dessen Deckname „GRDAGGER 1“ lautete. Olah war von besonderem Wert für die CIA, weil er schon über eine größere Gruppe verfügte. Dieses Potential wollte man für Guerilla- und Sabotageakivitäten in der sowjetischen Zone und zwar am Hochschwab und im Greinerwald, nutzbar machen. Das Risiko, Mitglieder einer politisch orientierten Organisation, paramilitärisch auszubilden, war der CIA bewusst. Allerdings vertraute man Olahs Truppe: Weil diese gute Beziehungen zu mächtigen Regierungskreise habe und antikommunistisch orientiert sei. Und weil der gewerkschaftliche Hintergrund von „GRDAGGER“ eine gute Tarnung für die geheimen Aktivitäten darstellte.

Um die Schlagkraft zu erhöhen, führte die CIA beispielsweise im August 1955 zwei Kurse, durch – einer 12 Tage lang und eine dreitägige Auffrischungseinheit. „GRDAGGER 1 war beeindruckt von der Durchführung des Kurses, den Fähigkeiten des CIA-Lehrpersonals und den Kompetenzen, die die Schüler während seines eintägigen Besuchs an den Tag legten“, notierte die CIA zufrieden. Zu diesem Zeitpunkt bestand die „GRDAGGER-Organisation“ aus 20 Personen, von der sich die CIA gute Chancen ausrechnete, ein „Kern“ für Guerillakriegsführung zu sein: „Wir schätzen, dass die GRDAGGER-Organisation innerhalb von sechs Monaten, nachdem der Krieg ausgebrochen ist, auf 250 Mann angewachsen sein wird. GRDAGGER besteht aus Angehörigen einer SPÖ-nahen Gewerkschaft mit 40.000 Mitgliedern, von denen viele als potentielle Rekruten für Widerstandsgruppen im Kriegsfall angesehen werden können.“

Neutralität kein Hindernis
Die Unterzeichnung des Staatsvertrags bedeutete keineswegs das Ende für die geheimen Aktivitäten im „neutralen“ Österreich: 1955 war geplant, insgesamt 12 Sabotage- und 10 „air-receiption“-Lager angelegt (die Ausrüstung in letzteren Depots dürfte dazu gedient haben, Landeplätze für Luftnachschub zu markieren). Infolge der sich „ändernden Situation“ wurden die Leitlinien von GRCROOND geändert: Trotz der nunmehr angenommenen Unwahrscheinlichkeit eines kommunistischen Putschs wurden die vorhandenen Aktivposten weiter geführt. „Sowjetische Aggression“ war immer noch im Bereich des Möglichen. Allerdings wollte die CIA die Verantwortung für Sabotagemaßnahmen im Kriegsfall zunehmend an österreichische Kräfte abtreten. Damit war in erster Linie Olahs Truppe gemeint.

Spuren verwischt
Bedauerlicherweise existieren dazu in österreichischen Archiven keine vergleichbaren Unterlagen: Olah hatte seine Spuren penibel verwischt. Schon in den 1960er Jahre wurden alle Akten zum „Sonderprojekt“ durch den Reißwolf geschickt. Der ehemals mächtige Olah hatte sich zu diesem Zeitpunkt selbst ins Aus manövriert – unter anderem wegen eigenmächtiger Verwendung von Gewerkschaftsgeldern musste er 1964 zurücktreten und wurde fünf Jahre später zu einer Haftstrafe verurteilt. „Sonderprojekt“ bzw. ÖWSGV wiederum waren erst 1967 endgültig aufgelöst worden – wie Olah betonte, war zwar die „unmittelbare Bedrohung“ weggefallen, „dann aber kamen das Jahr 1956 und der sowjetische Einmarsch in Ungarn, der jenes Gefühl der Sicherheit doch als ein sehr brüchiges und möglicherweise trügerisches entlarvte. Deswegen lösten wir unsere Vorsorgeeinrichtungen erst allmählich auf.“ Der ÖWSGV sei reorganisiert und in einzelnen anderen Teilen z.B. auf dem Gebiet des Funkwesens aufgebaut und erweitert worden. Alles Weitere liegt immer noch im Dunklen. Als 1996 die US-Waffenlager geräumt wurden, hielt sich Olah bedeckt – die aufgefundenen Depots seien „für die Exekutive gedacht gewesen.“ Mehr wollte er nicht sagen: „Es gibt gewisse Dinge in einem Staat, über die redet man überhaupt nicht redet. Auch nachher nicht.“

Ob und wenn ja in welcher Form die österreichische Beteiligung an stay behind weiterging, darüber könnten CIA-Dokumente Aufschluss geben, die heute noch unter Verschluss gehalten werden. Erwiesen ist nun allerdings wie substantiell das an sich neutrale Nachkriegsösterreich ins westliche Lager eingebunden war – und in welchem Ausmaß sich heimische Politiker und Freiwillige für die US-Kriegspläne engagierten. In den NATO-Ländern blieb stay behind bis 1990/91 aktiv. Die sowjetische Invasion, auf die man sich so intensiv vorbereitet hatte, war nie erfolgt. Mit Sicherheit war das für alle Beteiligten das Beste – so hatte etwa beispielsweise die Stasi-Funkaufklärung die westdeutschen stay behind-Agenten längst im Visier, wodurch sie im Kriegsfall rasch „ausgeschaltet“ worden wären. Wenn vom österreichischen Ableger etwas geblieben ist, dann vielleicht ein paar rostige Relikte im Wienerwald.

Hinweis: erschienen in „Die Zukunft“, Nr. 2/2015, 30-33.