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Otto Skorzeny (1948, Quelle: Wikimedia Commons) |
Benito Mussolini machte einen gebrochenen Eindruck. Wenige
Stunden zuvor hatte man ihn noch abgehalten, mit einem Rasierer Selbstmord zu
begehen. Nun stand ihm plötzlich ein baumlanger SS-Mann einer tiefen
Schmissnarbe vom Ohr zum Kinn gegenüber und sagte theatralisch: „Duce, der
Führer schickt mich! Sie sind frei!“ Tief bewegt soll Mussolini den Offizier
daraufhin umarmt und gesagt haben: „Ich habe es geahnt und nie daran
gezweifelt, dass der Führer alles tun wird, um mich wieder herauszuholen!“ Es
ist der 12. September 1943 – innerhalb von nur zehn Minuten hat ein deutsches
Sonderkommando den abgesetzten Diktator aus seiner Haft befreit – „Unternehmen
Eiche“ ist ein voller Erfolg und macht vor allem einen Mann weltberühmt: Den
gebürtigen Wiener Otto Skorzeny. Der SS-Hauptsturmführer hat als erster
Mussolinis „Gefängnis“, das Zimmer 201 des Hotels „Campo Imperatore“ auf dem
Plateau des Gran Sasso nordöstlich von Rom betreten. Von da an versteht es
Skorzeny geschickt, den Erfolg für sich zu vereinnahmen. Die NS-Propaganda
stilisiert ihn zum „Mussolini-Befreier“, aber auch nach Kriegsende feiern ihn
zahllose Bücher als „Commando Extraordinary“ und „gefährlichsten Mann Europas“.
Letzterer Spitzname stammte vom britischen Autor Charles Whiting, dem Skorzenys
unkonventionelle Methoden als passende Alternative zu Massenschlachten und
nuklearer Vernichtung erschienen.
Heute noch sind Skorzeny-„Action Figuren“ begehrte Sammlerobjekte.
Sogar im US-amerikanischen Comic „Atomicrobo“ hat Skorzeny 2008 als
Superschurke Niederschlag gefunden. So viel ist klar: Die seltsame Faszination
des Bösen, die seit Jahrzehnten vom „Narbengesicht“ ausgeht, hat seinen
Krebstod 1975 überdauert. Dabei ist der Mythos rund um Skorzeny ein einziges
Gebilde aus glatten Lügen und Übertreibungen – anhand neuer Dokumente aus dem
Wiener Staatsarchiv und dem Nachlass von „Nazijäger“ Simon Wiesenthal geht
„profil“ den Legenden auf den Grund. Deutlich wird daraus vor allem eines:
Skorzeny war ein gnadenloser Opportunist, begabter Selbstdarsteller und
zeitlebens bekennender Nazi. Aber darüber hinaus haben auch westliche
Geheimdienste nach 1945 nicht davor zurückgeschreckt, sich seiner „Expertise“ zu
bedienen. So machte Hitlers Kommandosoldat im spanischen Exil eine bemerkenswerte
zweite Karriere: Als millionenschwerer Unternehmer, Waffenhändler und
Memoirenautor – stets gut vernetzt mit anderen ehemaligen NS-Größen und
internationalen Neofaschisten.
Skorzenys Aktivitäten wurden auch
in seinem Geburtsland Österreich verfolgt – das ergibt sich aus einem
umfangreichen Dossier der Staatspolizei.
Nach Kriegsende waren hier zwei Verfahren gegen Skorzeny anhängig: Ersteres
hatte ein 1950 von der Gesandtschaft der CSSR gestelltes Auslieferungsbegehren zur
Grundlage – Skorzeny wurde für
Verbrechen deutscher Soldaten beim Rückzug durch die Tschechoslowakei
verantwortlich gemacht. In Österreich selbst wurde ihm aktive Beteiligung an der
Pogromnacht vom 10. November 1938 vorgeworfen, in deren Verlauf Skorzeny mit
einer SS-Truppe zwei Synagogen in Wien-Landstraße angezündet haben soll. Trotzdem
unternahm man keinen Versuch, seiner habhaft zu werden. So wurde 1952 ein
Auslieferungsansuchen an Spanien „wegen des politischen Charakters der Straftat
und des Mangels eines Auslieferungsverkehres mit Spanien vom Bundesministerium
für Justiz nicht in Erwägung gezogen“. Einerseits gab es Hinweise, dass
Skorzeny von Spanien aus „mit deutschen und österreichischen
nationalsozialistischen Kreisen in Verbindung stehe“ – andererseits wurde
gleich wieder insofern abgewiegelt, „dass Skorzeny keine politischen Ambitionen
habe und seine Tätigkeiten auf rein geschäftlicher Basis liegen“.
Jedenfalls wurden beide Verfahren
1958 eingestellt – damit war der Weg frei, Skorzeny einen österreichischen Pass
auszustellen, um den er sich schon jahrelang bemüht hatte. In einer Information
für Innenminister Oskar Helmer fasste ein hoher Staatspolizist das Für und
Wider in dieser Frage so zusammen: „Ich neige eher der Ansicht zu, dass
Skorzeny, eine typische Landsknechtnatur, wohl zur Durchführung von
Husarenstücken eine besondere Eignung hat, jedoch Fähigkeiten für politische
Konzeption und Organisation nicht besitzt. Bezüglich seines Charakters wäre
noch zu sagen, dass er sich um die Familie seines Bruders, der zweifellos nur
deshalb nach Russland verschleppt worden ist, weil er den Namen Skorzeny trägt,
überhaupt nicht kümmert.“[1] Gegen
die Pass-Ausstellung würden allenfalls „optische Gründe“ sprechen: „Es
erscheint nicht sehr wünschenswert, wenn Skorzeny, der immerhin von einem
gewissen Nimbus umgeben ist, und dessen Persönlichkeit immer mit gewissen
Gerüchten verbunden sein wird, die Möglichkeit gegeben wird, mit einem österreichischen
Pass in aller Welt herumzuziehen.“ 1959 wurde schließlich zugestimmt, nachdem
„Versagungsgründe“ nicht mehr vorlagen.
Skorzeny sei „ohne Zweifel noch im politischen Sinne tätig, insoferne
als er gewisse Beziehungen unterhält, die es angezeigt erscheinen lassen, ihn
nicht ganz aus dem Auge zu verlieren“, so die Staatspolizei. Im Herbst 1962 schrieb
man Skorzeny aufgrund neuer Vorwürfe wieder zur Verhaftung aus, weshalb ein
Antrag auf Passverlängerung 1964 abgelehnt wurde. Zerknirscht musste man in
Wien feststellen, dass Skorzeny dennoch – aus welchen Quellen auch immer – ein gültiges
österreichisches Reisedokument benutzt hatte, um 1965 Südafrika zu besuchen,
was dort ein peinliches Nachspiel im Parlament hatte.
Der 1908 geborene Skorzeny stammte
aus einem „national“ gesinnten Wiener Elternhaus. Als Maschinenbaustudent war
er allenfalls für Trinkfestigkeit und leidenschaftliches Mensurfechten bekannt.
Politisch war er ein Nazi der ersten Stunde: Schon 1932 trat Skorzeny der
österreichischen NSDAP und zwei Jahre später der SS bei. In den Wirren des „Anschlusses“
1938 war er an der Festnahme von Bundespräsident Wilhelm Miklas beteiligt. Doch
Skorzenys Karriere geriet nie in Fahrt – er brachte es gerade mal zum
Kraftfahroffizier. Es war seiner persönlichen Bekanntschaft zu Ernst
Kaltenbrunner, Stellvertreter von SS-Reichsführer Heinrich Himmler, zu
verdanken, dass Skorzeny 1943 eine Chance erhielt, sich zu profilieren – er
baute für die Auslandsabteilung des Sicherheitsdiensts (SD) einen Verband für
Spezialoperationen auf, mit dem die SS den Sondereinheiten von Wehrmacht und
Luftwaffe Konkurrenz machen wollte. Die Stunde der Bewährung kam im Sommer 1943
– der rasche Vormarsch der Alliierten in Süditalien hatte zur Absetzung und
Verhaftung Mussolinis geführt. Der neuen Regierung unter Marschall Pietro Bagdolio
blieb aber nur die bedingungslose Kapitulation. Hitler reagierte auf diesen „Verrat“
umgehend: Weite Teile Italiens wurden besetzt, um das Abfallen von der „Achse“
zu verhindern. Davor hatte Hitler bereits die Befreiung Mussolinis angeordnet,
was kein leichtes Unterfangen war, denn dieser war „spurlos“ verschwunden.
Die Suche nach dem Duce wurde von
Skorzeny vor Ort geleitet. Nach fünf Wochen gab es eine heiße Spur – die
Gestapo in Rom hatte ein Telefongespräch abgehört, dass schließen ließ,
Mussolini werde im Hotel „Campo Imperatore“ in den fast 3.000 m hohen Abruzzen
festgehalten. Nirgendswo zeigte sich Skorzenys Talent, sich in den Vordergrund
zu drängen, deutlicher als beim folgenden „Unternehmen Eiche“: Der
„Mussolini-Befreier“ sollte eigentlich nur als „Beobachter“ teilnehmen. Er und
seine 17 SS-Männer hatten nur die Aufgabe, die Landezone zu sichern, während
die Ausführung des Handstreichs hochspezialisierten Fallschirmjägern der Luftwaffe
vorbehalten war. Doch unvorhergesehener Weise landete ausgerechnet der
Lastensegler mit Skorzeny an Bord als erster auf dem Plateau des Gran Sasso.
Ohne Befehle zu geben oder seine Waffe zu ziehen, rannte Skorzeny gegen alle
Absprachen einfach Richtung Hotel drauf los. Beinahe hätte ihn eine eineinhalb
Meter hohe Mauer an der Vorderseite auch schon wieder gestoppt – nur unter
Schwierigkeiten gelang es den alles andere als fitten SS-Leuten das Hindernis
dann doch zu überwinden. Die italienischen Wachmannschaften hätten die
isolierten Angreifer leicht ausschalten können. Stunden zuvor waren sie vor
einer Befreiungsaktion gewarnt worden. Trotzdem hielt die Mehrzahl der Bewacher,
darunter der Kommandant, Siesta. Als diese abrupt gestört wurde, sahen die
Italiener ihre Lage als verloren an. Laut neuen Erkenntnissen war es der
Regierung Bagdolio ohnehin nur recht, das „Problem“ Mussolini auf diese Weise
loszuwerden.
So gab es auch keine eigentliche
Kampfhandlung – nur ein einziger Schuss wurde abgefeuert und der aus Versehen.
Nachdem Skorzeny den Duce lokalisiert hatte, wich er ihm nicht mehr von der
Seite – dokumentiert wurde das alles von einem Korrespondenten und einem
Fotografen, die man auf Skorzenys Veranlassung hatte mitnehmen müssen. Als
Mussolini dann in einem Kleinflugzeug ausgeflogen wurde, zwängte sich der massige
Hauptsturmführer mit hinein – nur dem Geschick des Piloten war es zu verdanken,
dass die Maschine wegen des Übergewichts nicht gleich zerschellte. So dreist diese
Aktion war, Skorzeny wollte den Duce um jeden Preis persönlich an Hitler
übergeben und so allen Ruhm für sich und die SS einheimsen. Und diese Rechnung
ging auf, nicht zuletzt weil der Propagandaapparat von Joseph Goebbels eine
kühne Heldengeschichte bitter nötig hatte.
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Otto Skorzeny, Benito Mussolini General Gueli mit deutschen Fallschirmjägern und SS-Leuten auf dem Weg zum Flugzeug (Bundesarchiv, Toni Schneiders, Wikimedia Commons) |
Während der Ardennenoffensive im
Dezember 1944, dem letzten deutschen Vorstoß im Westen, sollten Skorzenys
Kommandos in US-Uniformen hinter der feindlichen Front Verwirrung stiften. Doch
das „Unternehmen Greif“ wurde zum Desaster: Nur wenige Jeep-Besatzungen gelang
es überhaupt durchzudringen, und die meisten flogen sofort auf. Dafür
kursierten auf alliierter Seite die wildesten Gerüchte: Skorzeny sei bereits in
Paris, um einen Anschlag auf den Oberkommandierenden Eisenhower zu unternehmen.
Tatsächlich war Skorzenys Kampfgruppe kurzerhand konventionell eingesetzt worden
– ihr militärisch völlig inkompetenter Führer „verheizte“ die Truppe jedoch in
einem Frontalangriff.
Die letzten Kriegstage 1945
verbrachte der nunmehrige Obersturmbannführer Skorzeny im Salzkammergut. Mitgebracht
in die „Alpenfestung“, eines der letzten Rückzugsgebiete des Dritten Reichs, hatte
er eine große Menge Goldes, fünf Millionen Reichsmark sowie Wertpapiere. Dieser
„Schatz“ blieb verschwunden – während ihn manche immer noch auf dem Grund des Toplitzsees
oder des Ödensees vermuten, sehen andere darin die Quelle des späteren beträchtlichen
Reichtums Skorzenys.
Den US-Truppen stellte sich
Skorzeny schließlich am 15. Mai 1945 – zunächst wurde er von einem
Militärtribunal in München-Dachau als Kriegsverbrecher angeklagt. Im September
1947 sprach man ihn aber frei als ein britischer Offizier bestätigte, dass auch
alliierte Spezialeinheiten sich in feindlichen Uniformen getarnt hatten. Bevor
weitere Ermittlungen durch deutsche Behörden beginnen konnten, gelang Skorzeny
1948 die Flucht aus einem Internierungslager in Darmstadt. Unter falschem Namen
und mit blondierten Haaren versteckte er sich eine Zeit lang in Bayern, ehe er
im Februar 1950 seine Zelte in Madrid aufschlug. Francos faschistisches Spanien
bot damals einer Kolonie von 16.000 flüchtigen Nazis Unterschlupf, und Skorzeny
war einer der prominentesten Köpfe.
Nach der Scheidung von seiner ersten Frau hatte er die
Nichte des ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar von Schacht geheiratet. Deren
Geschick als Geschäftsfrau war für den unternehmerischen Erfolg Skorzenys
mitverantwortlich: Von seinem Büro „Export – Import – kaufmännische
Transaktionen“ in der Calle Montera aus vermittelte er deutschen Firmen
lukrative Deals beim Ausbau des spanischen Eisenbahnnetzes. Ab 1966 vertrat er
die Interessen des berüchtigten Rüstungskonzerns „Merex“. Skorzeny ermöglichte aufgrund
seiner Beziehungen Waffenexporte zu den bolivianischen und peruanischen
Militärregierungen. Aber auch ein österreichisches Schwergewicht profitierte: 1961
wurde bekannt, dass Skorzeny jahrelang geheim als VOEST-Generalvertreter in
Spanien und Lateinamerika fungierte – der daraus resultierende Skandal dürfte
mit ein Anstoß für die Wiederaufnahme von Ermittlungen gewesen sein.
Ein Informant berichtete Simon Wiesenthal, dass Skorzeny in
Irland, wo dieser eine große Farm besaß, für „nationale“ österreichische Unternehmen
lobbyierte. Wiesenthal behielt Sorkzenys Aktivitäten überhaupt im Auge: Er
charakterisierte ihn als „Abenteurer, der gerne von sich reden hört und der die
Flamme seines ständig verblassenden Ruhmes schürt“. Skorzeny habe sich nicht
damit begnügt, „im trüben Nachkriegswasser Profite zu fischen, sondern hat eher
den Ehrgeiz, wieder eine politische Rolle zu spielen, ein Schirmherr der SS in
aller Welt zu sein und vor allem als Heldenstar in den Zeitungen zu
erscheinen.“ Die Geschäftemacherei könnte ein „Steigbügel“ für eine künftige
politische Rolle Skorzenys bei neonazistischen Parteien sein, befürchtete
Wiesenthal: „Von Zeit zu Zeit macht er einen Sprung nach Deutschland, um
Kameraden zu besuchen oder um mit der neuen Nazipartei, der SRP Besprechungen
zu führen.“ Die SRP wurde 1956 verboten, was möglichen politischen
Karriereplänen einen Strich durch die Rechung machte.
Als der deutsche Bundesnachrichtendienst
(BND) 2011 sein Archiv zu Skorzeny öffnete, wurde offenbar, aus welch dunklen Kanälen
dieser damals Gewinn schöpfte: 1954 wurde beispielweise gemeldet, Skorzeny
stehe an der Spitze einer Organisation, „die mit dem illegalen Verkauf von Uran
beschäftigt ist, das schon vor Kriegsende produziert wurde und noch im Frühjahr
1953 im Schwarzwald lagerte“. Im Bild war man auch über die Skorzenys
Waffenschiebereien von Madrid aus in den Nahen Osten: „In Damaskus und Beirut
beschäftigt er Zwischenhändler. Waffen für Algerien werden über Ägypten
geleitet.“ So machte Skorzeny Kasse: Ein „enormes Privatkonto“ sei bei der
Commerz- und Kreditbank in Frankfurt am Main eingerichtet.
Skorzeny war aber nicht nur umtriebiger Geschäftsmann,
sondern widmete sich auch geheimdienstlichen Angelegenheiten: Die CIA heuerte
ihn 1953 an, um den Polizeiapparat des ägyptischen Präsidenten Nasser
aufzubauen. Dafür rekrutierte Skorzeny selbst etwa 100 weitere deutsche
Berater, darunter den „Deportationsspezialisten“ Alois Brunner, der sich
gerühmt hatte, Wien „judenfrei“ gemacht zu haben. Die Einblicke, die Skorzeny
in Kairo gewann, dürften entscheidend für sein wohl überraschendstes Engagement
gewesen sein – Ende der 1950er warb ihn der israelische Mossad an. Man wollte
über den Nazi an einen der Sicherheitsoffiziere des ägyptischen
Raketenprogramms herankommen. Eine Reihe von Forschern und Experten fiel dann
mysteriösen Bombenanschlägen und anderen Aktionen zum Opfer, bis Ägypten das Rüstungsvorhaben
aufgab.
Skorzeny verstand es bestens, auf der Klaviatur des Kalten
Krieges zu spielen. Im Kampf gegen die kommunistische Bedrohung galt für die
USA und ihre Alliierten der Grundsatz: „Der Feind meines Feindes ist mein
Freund.“ Er sei überzeugt, dass es
wieder zum Krieg komme, meinte Skorzeny in einem Interview: „Ich weiß schon
heute, dass man mich und meine Freude (von der Waffen-SS) dann brauchen wird.“
2011 enthüllte ein Dokumentenfund Details eines Plans, den Skorzeny 1950/51 an
den Militärberater von Kanzler Konrad Adenauer, Hans Speidel, herantrug: Die Aufstellung
einer Geheimarmee aus ehemaligen Waffen SS-Männern sowie Veteranen von
Luftwaffe und Kriegsmarine in Spanien und Nordafrika. Aus dieser „Festung“
heraus sollte der Widerstand im Falle einer sowjetischen Invasion Westeuropas
fortgesetzt werden. Denn Skorzeny schätzte, die Horden der „asiatischen
Bolschewiken“ würden innerhalb von nur acht Tagen am Atlantik stehen. Speidel
ging auf das Angebot nicht ein. Auch der ehemalige Waffen SS-General Paul
Hausser, den Skorzeny einspannen wollte, durchschaute den Kameraden und
beschrieb ihn als „charakterlosen und geltungsbedürftigen Menschen“.
Die Mythenbildung um Skorzeny erlebte in den Nachkriegsjahren
einen weiteren Schub. Er selbst strickte seine Legende am eifrigsten: 1952
erschienen zwei Memoirenbände „Lebe gefährlich“ und „Wir kämpften, wir
verloren“, die bis heute die Sicht auf den „Mussolini-Befreier“ mitprägen. Bis
zu seinem Lebensende gab er unzählige Interviews und wurde nie müde zu betonen,
dass er „dasselbe genauso heute noch einmal tun würde“. Darüber hinaus
stilisierten verschiedene Experten, Skorzeny zum Kopf von geheimnisumwobenen Nazi-Fluchthilfeorganisationen
wie „ODESSA“ und „Spinne“, die nie existierten. Aber auch die Stasi streute eifrig
Gerüchte, um so den Westen als Hort des Nazismus zu diskreditieren. 1962 erschien
in Ost-Berlin die Broschüre „Die Jagd nach dem Narbengesicht“ – aus der Feder des
als Journalisten getarnten Stasi-Majors Julius Mader. Behauptungen daraus
wurden von der Wiener Justiz für neue Ermittlungen gegen Skorzeny aufgegriffen.
Wiesenthal dagegen bestätigte 1992, „keine Informationen“ bezüglich einer Rolle
von Skorzeny in ODESSA zu haben.
Wie aufgeladen die „Marke“ Skorzeny durch solche
Mythologisierungen letztendlich war, legt ein Informationsschreiben der
österreichischen Botschaft in Madrid nahe: 1967 hatten italienische Behörden erklärt,
Südtirol-Terroristen würden einen Stützpunkt in Spanien unterhalten. In
Betracht kommende Kreise, darunter Skorzeny und sein Anhang, seien zu
überwachen. Dem Obersturmbannführer a.D. traute man alles zu. Entsprechende Ermittlungen
ergaben aber nichts.
Am 6. Juli 1975 verstarb Skorzeny 67jährig – die Beisetzung
der Asche im Familiengrab in Döbling am 16. Juli 1975 war ein Schauspiel der
besonderen Art: Einige hundert Trauergäste hatten sich eingefunden, darunter
die ehemaligen Luftwaffenoffiziere Hans Ulrich Rudel und Walter Dahl. Letzterer
überbrachte die „letzten Grüße der ehemaligen deutsche Waffen-SS“. Die
Burschenschaft „Markomannia“, der Skorzeny angehört hatte, stand Spalier,
während die Trauergemeinde abschließend „Wenn alle untreu werden“ anstimmte –
das „Treuelied“ der SS. Auch danach nutzten rechtsextreme Kleingruppen das Grab
immer wieder als Bühne, um auf sich aufmerksam zu machen – so etwa die „Aktion
Neue Rechte“ (ANR). Bei einer Gelegenheit 1979 wurde der damalige ANR-Mann
Gottfried Küssel „belehrt, dass die Aufstellung einer ev. von ihm in Aussicht
genommenen ‚Ehrenwache‘ behördlich untersagt ist, was Küssel nur unwillig zur
Kenntnis nahm“.
[1] Alfred
Skorzeny war 1948 zu zwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt worden und wurde
1955 vorzeitig entlassen.